Es kehren Fenster zurück

gläserne Flügel

die tragen die Schwärze der Nacht

 
Hier entsteht eine  Heinrich Heine Seite  aus Texten der Rabenkopfpresse

zur Fensteraktion Wernerkapelle in Bacharach mit Heines Rabbitext

unter dem Motto:  Kunst bewegt zur Toleranz

 

 
 

 

Meinen Sie es ernst ? Eine Toleranz, die nicht nur Sonntags oder Pfingstmontag zählt ? Sondern werktags auch ? Nicht nur im Beisein von Ministern, Professoren und Flötenkonzert. Eine Toleranz die nicht nur Marketing für Weltkulturerbe ist, sondern menschlicher das Zusammenleben gestalten will, auch im grauen Alltag, auch an Stammtischen und in Fußballstadien. Nicht nur akademisch oder weihevoll. Nicht Flötentöne nur. Sonntagsreden. Auch für Menschen ohne Abitur. Auch in der Enge und Angespanntheit von Arbeitslosigkeit, Überforderung, Ausweglosigkeit, Behinderung oder Hartz IV.  Eine Toleranz nicht nur für die feine Gesellschaft. Wenn Sie es ernst meinen, dann brauche ich ja auch hier nicht zu verstummen, sondern kann sagen, was ich zu sagen habe. In diesem Medium hier, das neu für mich ist und diese Möglichkeit mir hier bietet. Ein blog, ein poetisches Tagebuch,  das einen Text hier entstehen läßt. Nicht sprachlos nur Offiziellem ausgesetzt, offizieller Toleranz, sondern artikulieren zu können, wenn auch ungeschützt , was ich finde, das nicht untergehen darf, an Schatten und Widersprüchen. Dann kann ich virtuell hier mir erlauben, zu dir Heinrich Heine direkt auch zu sprechen, der du ein Kirchenfenster bekommst mit deinem Rabbitext am Pfingstmontag in dieser herrlichen Ruine der Wernerkapelle, die hochgotisch oder tiefes romantisches Erlebnis  auch ein Dokument der Barbarei war, des Hasses, der Hetze, der Anfeindungen, Unterstellungen und der Judenverfolgungen.

 

Ein Experiment also hier, eine Stellungnahme zu gegebenem Anlaß für Pfingstmontag 2007. In aller Eile, zwischendurch, denn "Deutsch für Ausländer" habe ich noch zu unterrichten. Keine Zeit, den Text zu feilen. Aber im Ungeordneten hat sich Toleranz ja auch zu bewähren. Nicht nur im Feingeschliffnenen. Kunst bewegt zur Toleranz. Schön, daß sie außerhalb von sich noch was wahrnimmt, wo sie doch immer mehr in unserer Gesellschaft zum Selbstzweck, zur Selbstbestätigung und zur Unterhaltungsindustrie dient.

 

 

 

 
 

Und dieser Stein

Opal und Kiesel

er glitzert nur

im Abendsonnenschein

 

und jener bröselt

Sandstein nur

ruinengleich

 

das Herz ist nicht beständig

und die Mächtigen vergehn

 

wirf

 

Worte in die Nacht

 

brennende Raben

 

im Hunger der Wölfe

tanzt die Gier

 

 

* * * * *

 

 

Pfingsten Gewitter

für eine Sekunde

war Finsternis

 

und Finsternis

legte sich über alles

 

löschte aus

alle Dateien

 

Schwärze war nur

 

welch flaches Flimmern

doch alles nur ist

 

durch welche Wüsten

bist du geschritten Heine

 

in Paris trotzig

dem Gott

deiner Väter entgegen

 

 

* * * * *

 

 

Niemand

der gegenliest

 

nur die Nacht

und der Wind

 

eine Münze das Wort

feil und Messer

 

in die Häute

zu stechen

bitteren Spott

 

aus Liebe

aus Liebe

 

 

 

 

 

 

Am letzten Wochenende war ich seit langem wieder in Bacharach. Mich freute, daß man registriert hatte, daß ich lange nicht da war. Sah zum ersten Mal in diesem Jahr Mimo wieder, dessen Italienische Eisdiele im Zentrum ja sehr wichtig für Austausch, Begegnung und Kommunikation in dieser kleinen Stadt ist. Wenn Mimo da ist, ist der Winter vorbei und die Stadt wacht auf,  dem touristischen Treiben des Sommers entgegen. Im Vorfeld der Veranstaltung am Pfingstmontag bekam ich mit, daß zunächst nicht die richtigen Glasscheiben angeliefert wurden, und daß jemand mit einem flyer oder Flugblatt sich gegen die Fensteraktion mit dem Rabbitext ausgesprochen hatte. Wohl aus Gründen zur Erhaltung des ungestörten Anblicks und Erlebens des romantischen Ruinencharakters. Ich habe den flyer nicht zu Gesicht bekommen. Eine Meinung, die man tolerieren, aber nicht zu teilen braucht.  Aber was dieser flyer dann an Empörung auslöste, diese Zitate, wenn auch mit Spaß gemischt, möchte ich hier nicht wiederholen. Mir schien aber, als ob die Kunstaktion zur Toleranz schon vor Beginn in Gefahr schwebte,  selbig gepriesene Toleranz allzu schnell verlieren zu können. Wie kann auch jemand wagen, gegen Toleranzaktionen zu sein und wie geht man mit den Andersdenkenden dann um ?  " Andersdenkende sind anders als wir denken." Wer bestimmt was Toleranz ist, zu sein hat ?

 

 

 

 

                             Loreley

 

 

Ein Irrlicht

das da funkelt

wann und wie es will

es hat keine Beständigkeit

ist da und weg zugleich

es flackert nur

ist heller Mondenglanz

verzaubert alles

nur zum Schein

der Fels selbst

wird nur scharze Glätte

und niemand weiß

was es bedeuten soll

es ändert schon den Sinn

eh es der Wind gedreht

es zieht die Welle bis zum Grund

doch schwappt dann drüber

leicht hinweg

egal was es in Stromes Tiefe

an Leben hat zerstört

des Menschen Sehnen, Meinung, Liebe

ein Irrlicht

das da flackert

wann und wie es will

 

 

 

 

 

Das erste Mal, das ich von dem Projekt hörte, war während einer Bacchusinstallation im Bacchus Keller. Der Vorsitzende des Bauvereins Wernerkapelle Herr Peter Keber erläuterte mir das Projekt. Was die Wernerkapelle für mich bedeutet, vermag nur einzuschätzen, wer Andrei Tarkovskys Film Nostalghia gesehen hat und die Bedeutung der Kirchenruine darin. Ein Film, der wie kein anderer Andersenkenden und Toleranz  Raum gibt und Gehör. Der Ruinencharakter der Wernerkapelle ist für mich nicht antastbar. Jede dauerhafte Umgestaltung wäre mir zuwider. Dergleichen Befürchtungen wurden aber durch die Informationen zu dem Projekt sofort ausgeräumt.

 

Später dann las ich im Internet einen Wiesbadener Zeitungsartikel von Katja Rietze    vom 2.10.2006 ; darüber war ich nicht so sehr erfreut. Liegt der Künstler falsch oder die Berichterstatterin ? Einen Leserbrief oder Richtigstellung dazu gab es nicht.

 

"Seit 25 Jahren entwirft der Wiesbadener Künstler Kirchenfenster. Sie alle seien etwas besonderes, betont Hartmann, aber das in Bacharach solle eben eine ganz spezielle Botschaft vermitteln, schließlich gelte die Wernerkapelle schon seit dem Mittelalter als Mahnmal für deutsch-jüdisches Miteinander. Der heute widerlegten Legende nach soll der Knabe Werner, dessen Gebeine in der Kapelle liegen, 1278 von Juden durch einen Ritualmord getötet worden sein, woraufhin ein Pogrom initiiert und die gesamte jüdische Bevölkerung am Mittelrhein ausgelöscht wurde. Einziger Überlebender war der Rabbi von Bacharach, dem Heinrich Heine später einen Roman widmen wollte. "

 

Warum soll man falschen Legenden noch falsche hinzufügen ? Ist das angemessen angesichts des doch wichtigen Anlasses und der Tragik von Judenverfolgungen in Deutschland.

Die Gebeine liegen nicht dort. Die Wernerkapelle war nicht Mahnmal seit dem Mittelalter. Leider nicht. Es sei denn wir leben noch in dem Mittelalter, was ja durchaus mitunter sein kann. Und der Rabbi als einziger Überlebender des Progroms von 1278. Sie müßten deinen Text doch eigentlich kennen und lesen Heine, wenn sie ihn würdigen und zum Kirchenfenster machen wollen.

 

 

 

 

 

 

Rotes Glas

sticht in den Himmel

die Schwärze der Buchstaben

 

eine Schrift flammt

 

wer entziffert

das Menetekel

 

oder schüttet es zu

 

überstrahlt es

überglänzt es

 

vorgeschaltet

dem gotischen Maßwerk

 

unberührt mit dem Stein

Installation

 

was installiert sich

 

ein Zeichen gegen Verdrängung

gegen die eigene auch

 

trennt es den Opfern die Schatten

 

nennt es die jüngsten auch

 

auch die Geschichte des Vergessens

gehört zu ihnen

 

all die dunklen Momente

die nicht zu stilisieren sind

 

eine Klagelied erhebt sich zum Himmel

 

an einer Stelle

wo es brechen will Bann und Fluch

 

ein unvollendetes Klagelied

 

denn wie könnte man je eins vollenden

wer will fassen den Schmerz

 

nichts glast die Fenster hier zu

 

ein Fragment reißt auf den Himmel

 

Raben durchfliegen es

 

Glas zerklirrt

 

der Schatten Heines zeigt sich an der Wand

der Rabbi ist zurückgekehrt

 

still leise

 

als bleich der Mond verlassen hier

sich von dem Trubel ganz erholte

 

die schöne Sarah hielt

die Totenblumen in der Hand

 

El male Rahamim

 

 

 

 

 

 

 

In all den Fesseln

tanzt du leicht

du löst die Knoten

die der Kopf dir strickt

du hältst die Seele

reißen alle Stricke

 

der Lähmung

setzt du eins

entgegen

du denkst

und du betäubst dich nicht

 

du sitzt

dem Popanz nicht mehr auf

 

du weißt

was da verlorengeht

 

ein einzeln Leben

ist ein ganzes Weltenreich

 

die Zuckererbsen sind dir nah

doch rutschst du nicht auf ihnen aus

 

durchstichst Konsum und blaße Glätte

 

in dir da lebt und pocht

nie Hülle werden, gar Philister sein

 

die Sprache zuckt in dir

die nicht sich täuschen läßt

 

durch kein Jargon, Parole oder Etikett

die auf dem Weg ist, sei es Flucht

 

irrend immer ohne vorgegebne Antwort

durch Fassaden die nur Schein

 

durch enge Gassen, Boulevards

Städte, Länder, Sprachen

 

selbst auf der Flucht

du bleibst nicht stecken

 

der Weg, das Ziel ist

immer schon das Wagnis

 

der Anfang eines Schritts

die Freiheit unbeirrt von

 

Medienmeinungsmache

jeglicher Zensur

 

kein Institut hat Monopol auf dich

 

die Sprache der du angehörst

bestimmt die Konferenz der Länder nicht

der Flickenteppich deutscher Kleingeistspur

 

das ist das Schöne was so

tief in dir verankert

 

an Freiheit, Geist und Sprache

in die du ganz so eingetaucht

 

in ihre Wurzeln, Bilder und Metaphern

in ihre Lieder, Mären, Widerhaken

 

und das du offen dann

auch spürtest wofür noch keine Namen

 

auch wenn sie jetzt zwangsintegrieren

es gibt keine Lizens für Sprache

so wenig wie für Freiheit auch

 

der Deutsche Blockwart hat stets Konjunktur

er trennt den Müll, sortiert den Nachbarn

 

die blassen Doktoranden bekommen Job, Karriere, Geld

die Bürokraten wieder nur allein das Sagen

 

Erinnerungskultur wird überwacht

 

die gegen uralt Dunkelmänner fluchen

sind Dunkelmänner oft gern selbst

 

die Wirklichkeiten zerfallen

wo soll da Toleranz sein

wenn man nicht mehr sieht ?

 

 

die Meinungshenker haben einen Strick

der dünner ist als alles Seil

er zieht fest zu ganz seidenmatt

wir denken alle gut

sind fein gesinnt

wissenschaftlich ganz neutral

verstehen nicht warum

was schreckt vor uns

und unsre Toleranz

erstickt im Keim

und überzieht das Fremde ganz

Kondom der Glätte

wir umarmen um

den Armen nichts zu geben

 

das Krankengut, das Menschenmaterial

Humankapital

mischt sich mit schönsten Worten hin

diversity

 

die Wissenschaft hat ihren Goethe

längst durchschritten

das Auge ist nicht sonnenhaft

nicht einmal tierisch, erdhaft oder blind

 

es ist ein Flimmernetz kalt zuckend

die Lust wird virtuell videomatt und glatt

 

was ist der Mensch

als flache Leere nur

 

die Babys gibt man schnell in Krippen

der Staat er sammelt alles auf

 

erzogen wird nach einer Schnur

und alles preist und lobt Kultur

 

die Deutsche Einheit gläsern eine Mauer

besteht auch weiterhin im Jammern

 

der deutsche Papst hat eine alte Mütze auf

doch wenn die Sonne scheint, nimmt er den roten Hut

 

wir verstehen alles

um zu fragen nicht

nur ja warum

 

wir reichen Hände

die ganz ohne Finger sind

 

wir tragen unsre Burka innen

bist du wie ich

bin ich wie du

 

Toleranz ist sie Vermummung

oder zeigt sie ein Gesicht ?

 

ist sie leicht wie Haferflocken

schmelzbar wie der Schnee

überfrierend Nässe glatt

weiß wie Unschuld und Batist

 

oder fällt sie schwer oft sehr

weil sie nicht nur Liebe stottert

sondern Auseinandersetzung ist

 

die den Fremden gilt zu sehen

und zu sehen wie man selber ist

 

die die Augen öffnet für die Welten

wo die Menschen oft zu Grunde gehen

abgestorben in Betäubung, Drogen, Video und Shit

ohne Hoffnung, Gegenüber, Zukunftswille

wo sie zweifeln alles ist nur Lüge

und der Staat nur Einerlei

Mobbing, Kälte, Haß, Intrige

und die Kirche schweigt dabei

 

wo die Jugend ohne Arbeit

die ein Recht hat auf Ideen

 

Leben ist die Spannung

nicht die Lähmung

 

 Toleranz ist auch

ein klarer Schnitt

 

hierhin und

nicht weiter

 

keiner ist

der Arsch der Welt

 

es gibt Grenzen

die verletzen

 

und die

einzuhalten sind

 

keiner ist Museum nur

zappelnd Erbe und ein toter Fisch

 

Leute die sich nicht gefunden

finden nicht den Weg zum andern

 

immer auf dem Weg zum andern

find ich mich und meine Spur

 

die Metaphysik ging baden Heine

es gibt keinen Kampf der Köpfe mehr

 

allenfalls parteipolitische Zöpfe nur

 

public relation ist alles

Babylon hat Hochkonjunktur

 

am Ende ist auch unerheblich

alle Toleranz

 

mag der andere doch denken

was immer er will, Idiot, Krüppel,

Spinner, Fanatiker, Idealist, Saupanz er

 

Ratte, Kröte, schwule Ente und Reptil

looser, looser,   faules Schwein

 

wir lassen einfach links liegen

was uns nicht kriecht voll Schleim

 

erwähnen nicht, still ziehen

die Rufmorde, Intrigen unaufhaltsam

erfolgreich ihre Spur, es reicht

nicht zu erwähnen, alles

geht unter im Überfluß

wir schweigen aus

 

nicht willentlich nein

es versteht sich von selbst

irgendwie alles Roulett

 

pluralistisch ist das

wenn keine einzelne Meinung besteht

 

vernetzen tut sich

was schon längst miteinander verglont

 

die schwarzen Listen

sind unsichtbar

Zensur war ein Spiel

nur des Ostens

 

für alles paar Namen

Medienpäpste der Gesinnung

und der Regen er fließt

von oben nach unten

 

und von unten nach oben

da kriecht nicht einmal

eine Eidechsenspur

 

das Geld organisiert es

Großverlage, Namen werden gelotst

investiert in promotion

alles lacht was immer auch droht

 

was ist da ein Wort noch

eine Papageienfeder in Pinoccios Haar

 

Sprachautomaten ersetzen, wer

könnte Auskunft auch geben

 

Fragen und Leben sind vorgezinkt schon

 

manchmal überfällt uns

ein Bangen

nicht alles könnte am Ende

manipuliert nur sein

 

nicht alles nur Tanz

um das fett satte goldene Kalb

 

wir haben jetzt Angst

vor Schläfern

die sind völlig unauffällig

grau und angepaßt

und genauso wie wir

 

die Paradieshungrigen sind am kommen

oder was sich so nennt

menschenverachtend wer bombt

in die Erde Höllen schon rein

 

keine Toleanz dem

der Leben zerstört

der die Spur legt

früh schon zu

Vergiftung, Ausgrenzung und Progrom

"unwertem Leben " Kolleteralschäden

in welch geschönten Worten auch immer

Pseudowissenschaft hält da Schritt

 

 

in all den Fesseln tanzt du leicht

läßt dich erschlagen nicht verfinstern

 

du leugnest nicht die Knoten

die die Welt stets strickt

 

der Lähmung setztest du entgegen Heine

die Wüstenwanderung durch Wort und Schrift

 

die Klage Hiobs schwang in all den Psalmen mit

 

den neuen Liebesliedern

die du schriebst

für diese Erde hier

 

 

der Himmel riß dir Wolken auf

du tanztest leicht

 

 

doch fest beharrlich war dein Schritt

aus aller Enge stets

die nicht befreit den Geist

aus falscher Konvention

 

in all den Fesseln

 

die Leichtigkeit

ist deine Waffe

 

der Spott nur

Maske, Ironie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Ruine rotem Fenster

ein Text zieht sich

durch Glas dahin

Aschenregen fällt auf Kalk

so schwärzt sich rotes Glas

so schimmert Licht hindurch

und schattet ab das Wort

ein Fragment brennt sich in Stille

in den offnen Himmel hin

 

über allem noch die Fratzen

der Chimären Wasserspeier

spucken aus das Gift

 

aus dem Schatten der Ruine

treten alte Geister   

Winand

schult gelehrt und fromm sich um

und der Knabe Werner

mit den Wunden

Opfer war er sicherlich

schändlich dann sein Name

zur Verfolgung und Ermordung hin mißbraucht

 

schaut der schönen Sarah ins Gesicht

Veilchen blaue streut er aus

und der stumme Wilhelm

mit dem Nachen der

den Pfarrer Horn auch fuhr

grüßt sie alle mit erhobnem Ruder

 

hier ist nun das Ende all der Flucht

kein Gerücht mehr geistert flink durch enge Gassen

keine Hetze und kein Fluch

nichts wird mehr verbrannt und kein Progrom

keine alten Frauen abgeführt und keine Schmähung

offen durch die Straßen vorgeführt

 

schieß nicht schieß nicht ich bin ein einzelner Mensch

und der Rabbi schlägt die Hände vors Gesicht

weg ist nun das Hakenkreuz hoch gegenüber

im Waisenhaus die alte Thora überlebt

 

und der Rabbi schlägt die Hände vors Gesicht

niemand sieht es

drüben noch die alte Synagoge

ohne Tafel einfach Haus

still versteckt abseits von der Straße

an dem Berge etwas hoch

 

 

und der Rabbi schlägt die Hände vors Gesicht

der Engel des Todes er schwebte

über Kapelle und Stadt

und der Rabbi grüßt die Toten

grüßt die leben

grüßt die morgen leben hier

stumm formt sich auf  seinen Lippen

 

 

 

Sch’ma Jis’rael: Adonaj Elohejnu, Adonaj Echad!

 

 

 

 

 

 

 

 

Und Heine fährt noch einmal

in einem Kahn vorbei

 

zu Bacharach am Rheine

zu Weltruhm hin

 

hab ich verhext

Brentano seine Hexe

 

der Schiffer rudert schneller

und Heine schaut in die Höh

 

er sieht die Kapelle das Fenster

rot blitzt es über der Stadt

 

den Text hab ich geschrieben

mit zittriger Hand

 

der jetzt gläsern ist Wand

 

und sieh und sieh an weißer Wand

da kam's hervor wie Menschenhand

 

und schrieb und schrieb an weißer Wand

Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand

 

die Magier kamen doch keiner verstand

zu deuten die Flammenschrift an der Wand

 

den Text hab ich geschrieben

meine Fragment offen hier flammt

 

gläsern noch unzerbrochen

und war doch ein Klirren so groß in der Zeit

 

den Text hab ich geschrieben

ein Teil mir verbrannt

 

Asche die nie sich beschrieb

 

die uralte Stadt

an derselben Stelle noch immer

 

Türme grauer Dächer Schieferglanz

 

die Flucht durchs Tor

ich wollte zeigen

 

das Schicksal der Meinen

durchweht all die Zeiten

ein klagendes flammendes Lied

 

ich habe die Klage erhoben

aus der Flucht dieser Stadt

aus dem Fluch der Kapelle

aus der Enge heraus

 

doch blieb es Fragment

 

ich wollte die Finsternis wenden

aus aller Verfolgung heraus

in helleres Licht

das aus Bedrängung

für immer aufbricht

 

Wagnis des Denkens

das Schatten durchsticht

 

Befreiung des Worts

Taumel der Sinne

 

Lust einer Seele

Leben und Liebe

von spanischer Sonne durchglüht

 

Herzen entflammt

aus Stickisch und Dunkel

hier auch am Rhein

 

Jitgadal w'jitkadaš, Sch'meh rabah, b'Alma di hu Atid l'it'chadata

 

doch das Grauen schlug zu

Blitze, Gewitter grell zuckten

braune Schlamm-massen

lawinenhaft erstickten am Ende

Ruder und Kahn

 

jetzt sind die Ufer bunt

 

die Weltkultur zu Gast

 

und manche Gräber

haben keinen Namen

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Text ist eine Schlange

die sich häutet

er wirft die Muster ab

die ihn durchziehen

du bist nicht Walter Scott mehr

doch noch nicht Edmond Jabbes

nur auf dem Weg dorthin

es irren die derridadieren

dich stilisieren

der Schmerz er bleibt

Fragment

die Sprache irrt noch

zwischen Lust und Scherz

Finsternis und Ohnmacht

Sprache ist nicht Geld

frei zirkulierend

abstrakte Ziffern

Code nur Chiffren

sie ist noch ursprungsnah

buchstabengetreu

und Erde noch

ist Asche, Gras und Klage

 

 
 

 

 

 

Das Eintrittsbillet zur Kultur

welche Taufe ist es heute

wer darf

und wer wird aussortiert

über wen redet man

ab wann steht man

auf Rednerlisten

honorabel oder promoviert

und der Regen er fließt

von ganz oben

wäscht ab

die auf das Pflaster fielen

und die Stumme wendet sich

in grauen Stein

 

 

 

 

 

 

 

Und dein Text ist jetzt ein Kuchen

Kirchenfensterscheibentorte

und wer Geld hat kann sich kaufen

jeder dann ein Fensterlein

 

hätt ich Geld doch bin ich Schreiber

würd ich kaufen gern ein Stück

 

und es hängen wohin hängen

in den Abendsonnenschein

 

an die Tür ans Fenster gar

jeder sieht dann auch sogleich

meine Meinung ich bin reich

 

so muß ich vorlieb nun nehmen

aus Papier schneid ich mir Stücke

 

doch aus welchem Exemplar

nicht aus dem das mir so lieb ist

 

das verbrannt am Rande ganz

weil es überlebt des Dritten Reiches

Dummheit- Haß- und Zornesflammen

 

und dein Text im Chad Gadja

ist mir auch nicht antastbar

aus dem alten Jüdischen Verlag

 

und das ebay Exemplar

als Besitzer Schindler steht

 

und so herrlich bunt

ist die Geldern Haggadah

 

ach wie oft ist illustriert

das Böcklein und das Öchslein

 

es kam ein Schlächterlein

welches Exemplar soll ich nun nehmen

 

statt zu lesen nun zu schneiden

deinen Rabbi ganz entzwei

 

welche Stelle soll ich suchen

die mir dann ganz Fenster ist

 

Bacharach die alte Stadt

vor dir schon Jerusalem verglichen

 

nein die schöne Sarah lieber

oder Wilhelm mit dem Kahn

 

das große Silberbecken das dein Rabbi

einst wie Hagen -Fluch dahin- tief in Rheines Fluten warf

 

die Stelle die mir angstnah noch am liebsten

schieß nicht ich bin ein einzelner Mensch

 

oder wo du tröstest daß sie dich nur töten wollen

oder wo du klagst doch um die andern

 

einer schneidet hier den andern immer auf und aus

verbrannt geschlagen gebissen gefressen gekauft

 

Öchslein Stöcklein Böcklein Suslein

sag mir     hebt die Toleranz das auf ?

 

 

 
 

 

 

Es wurde dir gemailt

es wurden Schilder aufgestellt

das Denkmal nicht besudeln

doch wer besudelt wen

es wurden hier besudelt

Zigeuner, Juden, Schwule, Irre

das Denkmal ist nur Stein

doch Spucke traf die Haut

die Menschen ins Gesicht

 

 
 

 

Ja, was ist Schrift ?

 

 

Ich bin eine Dohle
die klaut
nächtlings am Dornbusch
pick ich die Buchstaben auf
mit stechendem Schnabel
Wurzel und Haken die Schrift
entreiß ich der Erde
grünsprießende Blätter
Astwerk unbekanntes
eines Stammes
aus der Tiefe heraus
Laute die Himmel tragen
durchflochten Klage Gesang
doch zwischen dem Rabengeäst
den schwarzen Quadraten, Punkten und Strichen
offene Leere unausgefüllt
durchflogen von jenseitiger 
Abwesenheit  Stille



" Ich habe wieder im alten Testamente gelesen. Welch ein großes Buch !
Merkwürdigerweise noch als der Inhalt ist für mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mench selbst. ...man weiß nicht wie, man weiß nicht warum, man findet alles ganz natürlich. Das ist wirklich das Wort Gottes..." Heinrich Heine

"Bei Heine fällt die halachische Form, in der sich die das Leben des Frommen gestaltenden Gesetze darstellen, aus. " 

" Erst als der Rabbi seiner Frau das Nachtgebet vorbetete, weichen die Schreckensgesichte und machen der Vision vom Sabbatfrieden und der goldenen Pracht des Tempels in Jerusalem Platz. Dies ist ein erster Hinweis darauf, wo nach Heines Meinung allein die Rettung der orginär jüdischen Überlieferungen liegen kann : im kanonischen Text und seiner Auslegung im Kommentar." Bernd Witte


"Bilder und Bilderschrift führen zu Aberglauben und Götzendienst, und unsere alphabetische Schreiberei macht den Menschen zu spekulativ...Diesen Mängeln abzuhelfen gab der Gesetzgeber dieser Nation das Zeremonialgesetz"
                                                                               Moses Mendelssohn

" Mendelssohn geht noch weiter, indem er die mosaischen Riten und Vorschriften  geradezu als eine andere Schrift versteht, durch die Gott die ewigen Vernunftgesetze seinem Volk geoffenbart habe. " Bernd Witte

 

 


 
 
 

 

 

 

Einfach hineinlesen :

 

Die Pflastersteine auf der Straß
die sollen sich jetzt spalten
und eine Auster frisch und klar
soll jeder Stein enthalten

 

Die verwünschten Tempeltreppen

daß ich stolpernd in den Abgrund

nicht den Hals gebrochen mehrmals,

ist mir heut noch unbegreiflich.

 

Wie die Wasserstürze kreischten !

wie der Wind die Tannen peitschte,

daß sie heulten ! Plötzlich platzten

Auch die Wolken - schlechtes Wetter !

 

Das ist ja die verkehrte Welt,

wir gehen auf den Köpfen!

Die Jäger werden dutzendweis

Erschossen von den Schnepfen.

 

Das ist der finstre Sohn der Nacht,

der hier den segnenden Priester macht;

er murmelt die Formeln aus blutigem Buch,

sein Beten ist Lästern, sein Segen ist Fluch.

 

" Die großen Buben gingen vorbei und grüßten : " Haarüh ! " die kleinen riefen mir denselben Gruß, aber in einiger Entfernung. ...rief mir plötzlich ins Ohr ein lachendes Haarüh ! - das schnöde Wort im Davonlaufen beständig modulierend...aber nie unterließ er dann auch das fatale Haarüh ! zu rufen und zwar in allen Modulationen. "

 

O Harry  Heine wie gut du rheinische Städte kennst ! ! !

 
 

 

 

 

 

Stumme ist

zieht lautlos durch die Gassen

 

Stumme ist

verharrt an einer Stell

 

Stumme ist

     kein Raum zum Reden

 

niemand dir

jetzt nah von den die leben

 

Stumme ist

ganz eingedenk

 

und der Regen

löst die Seele

 

und er wäscht

den Fels  die Erde

 

und durch

schwarze Tore

schweigend

gehst du still

 

 
 

 

 

 

 

Abseits ist nicht

immer nur daneben

Abseits ist mitunter

mittendrin

und du siehst die Schatten

die das Leben

anders wirft

als nur dahin

die sich knüpfen

in ein Morgen

wenn das Dunkel heute

ist dahin

 

 

 

 

 

 

 

Ja er war ein Ketzer

ganz und gar

mit Haut und Haar

küß mir das blanke Schwert

das der liebe Gott be-schert

das feuerrote Sefchen

statt der schwarzen Locken

des Henkers Töchterlein

er sah was seinem Volke fehlt

er trat und trat

Sarkasmus, Spott, Witz, Ironie

Verrat, ja auch Verrat

oft ratlos gar

nur ja nicht wieder kriechen

warf er den Kopf

im Ohr noch dies Haarüh ! Haarüh !

verzweifelt sein Gebet

kalt Spott zur Höh

vielleicht hat Gott ihn ja erhört

den soviel Trotz nicht weiter stört

fand er am Ende doch zu ihm

doch vorher noch sein Leben lang

daß jedem Frommen wurde bang

sei Nazarener er, Christ oder Jud

er köpfte alle Köpfe mit und ohne Hut

das Leben zeigt er sinnlich nackt

er liebt wie niemand lieben kann

er ist ein Deutscher mehr als jeder Mann

er kennt die Herzen, Träume, Phantasien

die Lügen, Schmeicheleien, Maskeraden

er tanzt das Leben wild voll Glut

doch kommt stets zur Besinnung

er verliert sich ganz

und findet doppelt sich dann wieder

er ist ein Bürger zweier, dreier Welten

zerrissen, atmend, leidend und voll Kraft

in seinem Widerspruch ist er Gott nah

er ist die Frage

die mit falscher Antwort

auf Dauer nie zufrieden war

 

 

 

 

 

 

Da kommt er hergeschritten

und geht durch diese Stadt

die seine Texte gläsern

zum Fenster hat gemacht

durch Fenster kann man sehen

stets neu die Fahnen wehen

die Zeit sie bleibt nicht stehen

wir müssen vorwärts gehen

aus den Kaminen steigt der Rauch

die schwarzen Dohlen nisten auf den Simsen

der Wisperwind klopft an die Scheiben

vorbei die Zeit des Lug und Trugs der Hetze

der Text dort auf dem Fenster

vertreibt all die Gespenster

der Fremde der da kommt

er geht durch diese Stadt

wie durch ein Haus das

offne Türen hat

in Herzen liegt der Schlüssel

und in den Köpfen grüßt ein neuer Tag

 

 
 

 

 

 

 

Bleiche Schwester der Romantik

komm heraus aus deim Versteck

ja ich weiß du scheust das Grelle

wie die Eule blind das Tageslicht

aber schau, sie erben doch

ohne anzuschaun das Tote

zogst dich nicht zurück im Leben

daß die Nachwelt fingern tut

aber sei nicht bang

sie sind ganz balanciert global

sehen nicht was vor den Füßen

Bleiche Schwester der Romantik

komm heraus aus deim Versteck

sieh das rote Fenster

schwarzer Vogelfüße Krähenspitzen

schreiben Heines Text

in der Kapelle unbedachter Stille

in den ruhelosen Himmel

Wolken, Sonne, Mond und Blitze

leuchten auf der Buchstab Sterne auch

 

 
 

 

 

 

 

Alter Vater Rhein in deinem Bart

flechten neue Muster sich

laß die Wellen sie durchdringen

aus den Strudeln zieht sich neue Bahn

Strömung hin zu Meeresfluten

doch du weißt ich bin das Gegenfluten

schwacher Fels in tosend Brandung

Widerhaken im Gefälle, Dorn im Dickicht

Stein an Biegung, Eck und Grund

reißen alle Netze mir, niemand

fischt mich auf aus deiner Enge

immer strömst du mir entgegen

stemme mich doch nie hinweg

nenn es Trotz, Verachtung, Stolz

liebe nicht die mit dir schwimmen

immer je nach Pegel oben auf

deine Ufer sind mir eng

deine Berge Papp-paraden

deine Stirne mag ich

hart und keltisch, römisch glatte Schläfe

alter Flußgott fesselst mich

mit der Reben saurem Saft

deine Augen schauen durch alle Masken

deine Haare feuerrot im Wasser

alter Vater Rhein zwischen deinen Ufern

wenn die Öde an den Tälern klebt

strömst du, pochst du

bist du Atem mir und frei

Richtung, Puls und Leben

und dein Mund er flüstert mir

wellentief und - leis

wenn der Mond des Nachts

badet wie auf einer Scherbe Glas

wiegt mich ganz dein Felsenecho

alte Sagen sagen es

Sohn des Rheins bist du geblieben

 

 
 

 

 

 

 

Das Testament

der alten Katze

die man immer schlug

sie wollte

ganz alleine sein

und hatte Angst

im Tod

das nicht zu sein

wie wehren sich ?

sie bat den Wolf

wenn es soweit

daß er sie

still begrub

an einer Ecke

wo der Wind hinpfeift

und keine Maus

zugegen

sie hat zuviele

schon im Magen

 

 
 

 

 

Spiegelglas - falsch gespiegelt -

 

 

Oberhalb des Rheingaus, mitten im Weltkulturerbe, wo die Ufer des Stroms ihre lachende Miene ( nicht Mine ) finden, Berg und Felsen mit ihren stillgelegten Burgruinen sich milder gebärden und eine zahme, sanftere Herrlichkeit emporsteigt,  dort liegt wie eine fröhliche Sage der Nachwelt, die helle ganz neue Stadt Bacherach. Nicht immer waren so renoviert und aufgeputzt diese Mauern mit ihren sanierten Zinnen und vorwitzigen Warttürmchen, in deren windstillen Luken Spatzen nisten; in diesen heimeligen schönen Lehmfachwerkgassen, die man durch das offene Tor erblickt, herrschte nicht immer jenes fröhliche Treiben, das nur dann und wann unterbrochen wird von lachenden Kindern, singenden Frauen und sanft muhend gähnenden Touristen, müde vom vielen Städte- und Burgendurchlaufen.

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe nichts vernommen

ich hab auch nicht gefragt

sind sie die Treppen stiegen

und ausgerutscht dabei

gab es Protest und leere Spiele

lief alles diesmal glatt vorbei

war Regen oder Sonne

war Andacht oder Eitelkeit

war ein Gefühl von Größe

bei soviel hohen Herren

wie fühlt man sich gerühret

wenn soviel Welt zu Gast

es schmeichelt jeder jedem

schick genug für Landrat Schick

ob die Presse war dabei

das brauch ich nicht zu fragen

gucken stets nach Titel

und ansonsten sind sie still

dem Institut von Heine

gab ich den Tip mit Horn 2002

haben aufgegriffen sie es jetzt

vielleicht da kommen doch noch Zeiten

daß Dichter wenn auch nicht von diesem

vom letzten noch Jahrhundert auch zugegen

doch immerhin wir sind schon angekommen

im Neunzehnten das ist schon viel

das Grauen wird nicht besser

die Texte schreiben nicht mehr schnell sich hin

ach am Ende war noch Regen

und das ist kein Segen

habe noch vor Augen

wie obwohl ganz abgesichert

wie die ersten Christen fühlten sich

Frieden war ganz in Gefahr

mutig ruckten sie den Kopf

ganz in die Höh

schon beim ersten Tropfen

den man vorher so geduckt

ach Gewissen ist ja leicht

täglich kann man kaufen es in Zeitung

weil es ist so leicht

schwebt es auch so schnell dahin

ach wir haben ja vor Augen

Oskar trommelt schon mit drei

früh genug kann Widerstand nicht sein

ach ich hab soviel erlebt

falsche Gränze, falsche Gräber

falsche Namen alles war dabei

Horn war auch Franzosenhasser

Winand hasste ebenso

aber mehr die Juden

ach die Heimat ist ein Greul

immer gilt es wegzugucken

auszuschalten und radieren

nur an Festen kostümiert sich alles

tolerant und bunt und mützig

hüpft dann selig ganz vereint

und der Wein er macht es möglich

daß die eben sich noch morden

in den Armen liegen wonnevoll

schön war immer Kaffee Kuchen

hier in Marburg

wenn die Brüderlichkeit begann

einmal wöchentlich im Jahr

fing stets an im Offizierscasino

erster Weltkrieg Orden alte Herren

unsere Arbeit in der Presse

und die Juden  mußten loben, loben, loben

Frau Bandirektor hochgehoben

laut erwähnt

und die alte Frau daneben flüstert

sagt ich bin hier auch gewesen

und vertrieben worden einst

und du konntest lernen viel

von den die viel gelitten

nur die Glasur vom christlich Kuchen

war dir stets zu glatt und matt

hättest gern gesehen auf Pfingsten hier

jenen Herrn der auch begrüßt die Gäste

Mitglied ist - goggle sieht es -

der Historischen Kommission

ach ich schweige still

was sich da in Köln getrieben

wie sich wer geschmückt

mit der Arbeit eines andern

ach ich wär so gern dabeigewesen

jetzt bei all den hohen Herren

diesmal glaub ich

hätt ich's doch ertragen

letztes Mal da wurd mir schlecht

soff die ganze Nacht davor mit einem jungen Rechten

der jetzt tot im Grab schon liegt

kotzte, kotzte soviel Wendehälse

manchmal schmerzt der Fortschritt auch

in mir blieb noch unbewältigt

was sich leichthin wälzt nun fort

in der Unschuld aller

die scheint's immer schon gewesen

ach ich liebe die Kapelle

steht's zieht sie die Leute an

stell mir Heine deinen Text jetzt vor

ihre Wasserspeier lachen

Fratzen und Grimassen ganz verzerrt

heute kommen die   die gestern flohen

blind Romantik sucht ihr Seelenheil

Carus findet seine Heimat wieder

Pilger sind wir alle

streben all nach oben unbedacht

wie die Pfeiler, hohen Fenster hier

wechseln nur die Pfade, die wir treten

und die Namen die wir treten auch

plötzlich mischt sich um das Kartenspiel

doch was dazwischen ist gewesen

niemand sieht die Tricks

nein es waren keine Tricks gewesen

offen Löcher und Vergessen

Abgrund  harmlos scheinbar  Kraft durch Freude

mühsam das Erinnern aus dem Dunkel

tiefer auch geleugtner Schuld

nicht von oben fiel was jetzt

von oben besserwissend gar serviert

kleine Schritte unbeachtet

die doch Änderung bewegt

ja es kam so mancher zur Besinnung

als es galt noch vor dem Tod

eine Stadt die wandelt sich

erst wenn alle Vorurteile gehen

hier in der Kapelle

als noch Gras den Boden deckte

wild und frei der Zutritt war

einst ich auch fein Vortrag hielt

über fast genau dasselbe

drastisch, schaurig,düster, finster

Zuhörer zwei, drei Touristen war'n

und es gab dafür ne Mark

und ich rauchte meine erste Zigarette

in der Nische wo der Heilige einst lag

und der Heilige er war nicht heilig

und ich keuchte, hustete ganz stark

 

 

 

 

 

 

Und es war im Traum heut morgen

und da hüpft ich federleicht

war ein Vogel ohne Schwingen

und umfaßte dich doch ganz

sah in deine Augen tief hinein

blaue Meere öffnete die Seele

selten war ich dir so nah

und dein Fuß er stand auf meinen

und von Stein zu Stein war's ein Gelingen

setzte auf und war schon fort

wieder auf dem nächsten ganz

genau berechnet Sprung und Absprung

nichts an Kraft ging da verloren

harrte aus nur so wie nötig

weiter ging's ein Flug ohn Brechung

reiste so durch viele Orte

wo wir oft gewesen sind

und die alte Frau dort auf der Mauer

tot schon lange sagte Namen

sind's gewesen die auch tot jetzt schon

und das Öchslein sagt

ich wurd geschlachtet

und der irre Bruder sagt vergast

und das Stöcklein sagt

ich wurd verbrannt

und das Schlächterlein

es sagte nichts

und das Todesengelein

schlief fest im Herrn

 

 
 

 

 

 

 

Und die schwarzen Katzen

dösen auf den Treppenstufen

sonntags hell im Mittagslicht

und die Sonne wärmt ihr glänzend Fell

sind zu faul sich jetzt zu putzen

und die Krallen scharf wie nie

zucken noch vom Mäusemorden in der Nacht

und der junge Vogel ward gefressen

eben hat er noch den Tag besungen

gleich am frühen Morgen schon

 

 
 

 

 

 

 

Ach du hattest

schöne Locken

fielen dorthin

fielen hierhin

blieben nie

an einem Ort

fielen tief dir ins Gesicht

über deine Stirne ganz

ach du hattest

schöne Locken

und verlockend warst du da

fielst du dorthin

fielst du hierhin

nie bliebst du

an einem Ort

 

 

*  *  *  *  *

 

Täubchen meinte er

zur Therapeutin

und er meinte doch nur

taub sei sie

 

*  *  *  *  *

 

Welle, Welle fließe

immerzu willst frei du sein

doch was ist

wenn du kein Ufer findest

Welle, Welle fließe

immerzu willst frei du sein

doch wann kommt dir in den Sinn

daß du selber nur ein Schwanken

Zufall etwas Strom und Wind

Welle, Welle fließe

immerzu willst frei du sein

doch was ist

wenn du ein Ufer findest

 

 

* * * * *

 

Skeptisch war er gegen Bischöfe, auch gegen die des Atheismus.

 

* * * * *

 

Warum blieb er hier

wenn sich ihm hier nichts mehr bot

doch es zieht ihn in die Tiefe

zieht ihn ganz zurück

an den Anfang seines Lebens

hier waren seine ersten Schritte

hier wird lernen er

durch alle Fesseln gehen

 

 
 

 

 

 

Zum Außenseiter auserkoren

 

 

Mitten in Europa

mitten in Deutschland

in der Mitte

vom Mittelrhein

mitten in der Stadt

bin ich geboren

mitten im Jahrhundert

mitten im Jahr

mitten im Monat

in der Mitte des Tags

 

1950

15. Juli 12 Uhr

in Bacharach

gegenüber dem Posthof

 

 

 

                       

 

                    Die Toleranz

 

 

Sie suchten hier am Rhein

schon immer was

das Gold, das Haar, die Krone

 

die Römer suchten auf das Bad

die Kelten den Druidenpfad

die Juden ihre Mikveh

 

die Götter wechselten gar häufig

mal Mithridates, Isis, Bacchus und Astarte

 

auch die Germanen

brauchten einen Heiland

der kräftig war und stark

und siegreich in der Liebe

noch gab es Ehen mehr

als nur zu zweit

 

sie suchten einen Gott

der gab der Kirche

und dem Kaiser

viel Macht und Rom

erhob in neuem Glanz

sich auf des Glaubens Hügeln

 

der große Staufer war dazwischen

ein Hammer, der dann schnell gefällt

 

dann suchten sie

den Buchstab in der Bibel

Luther schaute den Leuten auf das Maul

die Landesfürsten auf die Kassen

 

die armen Bauern waren dazwischen

 

als das vorbei war

dachten sie die Wahrheit

Aufklärung und Moral

 

die Freiheitsbäume und Kokarden

Zipfelmützen Sansculottenhosen

von einer goldnen Biene bald zerfressen

kamen an den Rhein geschritten

 

der arme Hölderlin war auch dabei

 

als das vorbei war

dachten sie Befehl

Gehorsam, Führer und Partei

 

egal in welcher Farbe

das macht sich alles gut

ist nur der Blockwart auf der Hut

 

es blutete der Kontinent ganz fürchterlich

 

als das vorbei war

dachten sie Erfolg

ein jeder gegen jeden

egal mit wem und was und wie

 

selbst in die Seele

schauten sie wie nie

und therapierten was sich nicht

der neuen Leistung unterzog

 

so wuchs bei uns die Toleranz

Produkt aus vielen Kriegen

 

wir bomben nicht mehr zügellos

wir legen Minen nun aus Liebe

 

 

 

 

 

 

 

Wann kommt eine Zeit

wo es wieder Leser gibt

die die Texte nicht erhöhen

oder schmähen

sondern lesen und erkennen

ohne Suppe nur zu löffeln

Eintopf oder fett gebraten

Soße ganz aus Brei didaktisch

die da schmecken

Salz und Wort

Lippe sind noch selber Zunge

in der Taubheit unsrer Zeit

 

 

* * * * *

 

Kein Vorhang mehr wo alle Fragen

sind ersoffen nur

in der Laune eines Medienpopanz

 

* * * * *

 

 

Heine gassenhaft

hast du reingesaut

in die Etüden

hast die Seele

zirpeln lassen

und den Nachttopf

ganz geleert

 

 

* * * * *

 

Selten bläst du die Fanfare

wird der Rhein dir auch Staffage

Burgen, Berge, fahrend Ritter

Mythen, Sagen, Trutzgewitter

der Romantik abgeschaut

kleidest neu du jede Braut

auf den Felsen in die Höh

hüpfen Nixen und die Flöh

untergehen tuen Schiffer

damals gab's noch keine Kiffer

liebestoll nur arme Fischer

doch durch die Fassaden durch

stichst du dann den Spott der Nadel

die die Finsternis durchstochen

alles ist nur falscher Adel

Fliegen sind nur

auf den Leim gekrochen

glaubten dir den Krautsalat

doch dein Herz auch ganz im Scherz

schweigend ist dir      still der Schmerz

 

aus den Flammen Dritten Reiches

bist du nun zurückgekehrt

aus dem unbekannten Volkslied

bist du wieder Name Titel

 

und ich möchte mich

auch nähern dir

um mich zu entfernen wieder

 

Kopist von dem Kopisten

ist unsrer aller kulturellen Spur

 

wir sind doch Epigonen

uns fehlen nur die Throne

 

 
 

 

 

 

 

Um den alten Turm herum

schweigt die Mauer

niemand wacht

Reben sind geschnitten

umgestülpt

am Ufer Nachen

Netze aufgelöst

Ruder hochgezogen

werfen Schatten in den Sand

zwischen all den Scherben

trocknet Treibholz still

rostet Blech und Nagel

Brunnen ohne Wasser

Dächer schiefergrau

Menschen an dem Ufer

sehen die Weiden nicht

sehen nur die Schiffe

wegziehen immerzu

keiner ankert hier

zieht nur alles

schnell vorrüber

fensterlos die Kapelle

rot wacht sie über grauem Stein

über grobgehaunem Fachwerk

nur der stille Wilhelm

Weißdornzweige in der Hand

ankert hier noch immer

unvergeßlich ihm die schöne Sarah

weiß und totenbleich im Kahn

und ihr schwarzes Haar

unvergeßlich jede Nacht

 

     * * *

 

Sterne blitzen drin

Engel sind sich alle ähnlich

doch wer taubstumm     hört das nicht

 

 
 

 

 

 

 

Alle dachten er sei stumm

alle dachten er sei taub

nur weil er ein Wort nie sprach

doch er war nur ganz verstört

frag nicht, was  er einst und je gehört

niemand traute er sich an

nur mit Blicken sprach er dann und wann

 

also hörte er im Kahn

alles was der Rabbi sprach

so auch er vernahm

als die schöne Sarah schlief

und der Rabbi Gott anrief

 

flehend bat er ihn um Gnade

daß er seine Frau so tief belogen

um zu trösten sie

all die Toten ihr verschwieg

ihn nur wollten seine Häscher

doch er wußte- Gott hab Gnade -

 

alle morden sie dahin

plündern, schatzen, massakrieren

daß nur ja kein Zeuge sei

 

und am nächsten Morgen

ist die Nacht vorbei

ruhig friedlich alles einerlei

 

manche nur sind dann verscharrt

andre etwas reicher worden

 

und vom Haß ist nichts genommen

der bleibt weiter unbenommen

 

und der Rabbi bat auch Gott

wegzunehmen ihm den Fluch

 

den da Sarahs Vater einst gesprochen

sieben Jahre nun zu wandern

 

ganz in Armut betteln gehen

 

und er wußte, jetzt ist kommen

unabwendbar diese Zeit

 

und er sehnte sich nach Spanien

wie er immer sehnte sich

 

und er rang mit Gott

nie zu wissen, ob er Feuer oder Eis

beides pochte ganz in ihm

 

glühend Liebe Sonne Sand

und die Strenge kalt des Gesetzes Disziplin

 

seinem Volk zu leben

war sein ganzes Streben

 

Kinder ist die Antwort auf den Tod

und er bat nun Gott um diesen Segen

 

wie auch immer ungeschützt die Wege

Gott der Wüste sei zugegen

 

Wasser spende dem der dürstet

Manna schenke in der Not

 

nie ermüde unser Ziel

auf Jerusalem zu gehen

 

statt uns einzunisten in der Enge

wo nur Dunkel herrscht und Tod

 

daß lebendig uns dein Wort

das wir lieben das wir leben das wir lehren

 

doch wie es vermehren

 

in der Enge Dogma ganz getreu

oder pochend weit der Himmel

 

schafft dein Wort uns neu die Welt

 

Gnade Gott daß wir so denken

und nicht an die Toten denken

 

ihnen gib das ew'ge Leben

und von uns nimm unsre Schuld

 

 
 

 

 

 

Manchmal muß man länger

hier schon wohnen

um zu wissen

welche Gräber aufgeputzt

welche gar nicht

sind vorhanden

welche Zeichen wichtig

auch zur Umkehr

und Besinnung

 

und der Schatten Winands

in dem Turm

wirkt vielleicht ganz schlimm

auf Köpfe

so sie Schoppen

sauren Weins immerzu

hauen in sich rein

und besudeln selbst am End

was sie zu erhalten eingedenk

 

ohne je zu fragen

daß die Steine sind

getragen auch von

Zweck und Sinn

 

Disneyland das ist nicht alles

kunterbunte Tore ohne nichts

baumelt nur ein leerer Strumpf darin

 

Weltkultur das ist nicht nur

Fasnachtsspiele und Fassaden schieben

fängt sich auch ein Panorama ein

 

manchmal muß man stören die Idylle

sonst schläft alles ein

beim sauren Schoppenhauerwein

 

ach der arme Schopenhauer

wird er nun zum Gassenhauer

 

und die Größe seines Denkens

Abziehbild und falsches Etikett

 

und der Rheinische Verein

mag sich fragen

wo er früher war

überall dabei

 

und der Gast auf seiner Rast

will er abschneiden den Ast

woraus alles zweigt

 

oder will er sehen

Leben Menschen und Geschehen

was nicht nur Kulisse ist

 

manchmal ist auch not ein Zeichen

daß die bösen Geister weichen

 

und das Erbe mit dem Tal

ist es auch ein Neuanfang

ist es nicht die Stunde Null

die da ausradiert die Tiefe

unverankert Planspielwiese

 

nicht nur Talfahrt

im Welterbetal

manchmal geht es

unverhunzt und unbesudelt

auch bergauf

 

obwohl

Sudler wird hier bald ein Ehrenname

und Verhunzung Anerkennung

 

provinziell niveaulos

ja so will ich sein

herrlich medioker und maskiert

 

aber nicht entmündigt

und bevormundet

 

eher stumpf und hirnlos

 

unverschämte Eindringlinge

wo ist unverfälscht das Orginal

 

der Einsichtige verschmäht

braucht er Jahre

nein Sekunden

 

daß die Urtheilskraft

beim Nachbarn

freut mich wenn

der Nachbar dies mir sagt

 

Denkmal heißt nicht

daß man nicht mehr denken darf

 

Erbe heißt nicht

daß man selber tot

 

und Kultur wirft weg den Hut

der global nur aufgesetzt

 

wer sich denn besudelt fühlt von Heine

der hat selten kurze Beine

 

wie schnell fällt dann auf seinen Schlips

was er selber streut an Gips

 

und der Gast der sich besudelt fühlt von Heine

soll er  bleiben wo der Pfeffer wächst

 

ach wie schnell verfärbt sich

was noch eben grün

Zoten als auch Schoten

 

denn Heine das ist Rhein

genauso wie der Wein

 

vorbei die Zeiten

die ins Unglück schreiten

 

und tu ich mich hier fetzen

und zeig ich Schatten, Widersprüche auf

weil manches unerträglich ist

so fühl ich mich doch nah

und ungetrennt von denen

die wie ich

 

auch wenn der Heine

über Herwegh und den Mohrenkönig lacht

weil zu pathetisch ihm

der ganze deutsche Skatverein

 

setz ich die Toleranz

aufs Banner

 

gelbe Sterne

rosa Winkel

Sinti Roma

 

und die Asche Hadamars dazu

 

 
 

 

 

 

An den Ecken kläffkern Hunde

und du kläffkerst eifrig mit

 

in den engen Gäßchen

schallt es lauter

 

ist kaum Platz

zu heben ganz das Bein

 
 

 

                         

 

                                           Für Freiligrath

 

 

Der Löwe hat geschlafen

jetzt haben sie ihn geweckt

er zeigt nicht gern die Tatzen

die Krallen sind nicht schön

doch wenn die Sonne allzusehr

verbrennt ihm dann das Fell

dann gähnt er laut und schrecklich

der Schrecken der Oase

 

 
 

 

 

 

 

Über der Stadt

ein Fenster erwacht

ein Fenster in einer Ruine

die Ruine ist ohne ein Dach

der Himmel badet in ihr

über der schlafenden Stadt

ein Fenster erwacht

ein Fenster in einer Ruine

der Regen wäscht die Scheiben ab

der Regen rinnt hinab

an rotem Glas

rinnt er herab

aus rotem Glas das Fenster ist

ein Fenster in einer Ruine

die sonst gar keine Fenster hat

nur hohe Sandsteinbögen

der Himmel offen nah darin

nur Raben fliegen

aus und ein

durch hohe Sandsteinbögen

über der schlafenden Stadt

ein Fenster erwacht

ein Fenster in einer Ruine

aus rotem Glas das Fenster ist

gebrannt in ihm

der Text von Heinrich Heine

über der schlafenden Stadt

ein Fenster erwacht

ein Fenster in einer Ruine

 

 

 
 

 

 

 

Foto Fritz Stüber

Welcher oder welche " Künstlerin" gibt sich dafür  her mit ansonsten sehr schönen spielerischen Objekten sich durch - was auch immer -  instrumentalisieren zu lassen, um den Eindruck eines anderen Künstlers nur  zerstören zu wollen ?         3 Eigentore
 

 

 

 

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich nicht traurig bin,

Eine Hoffnung aus uralten Zeiten,

Die kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und ruhig fließt der Wein;

Die  Gipfel des Streites funkeln,

Im Abendsonnenschein.

 

Doch bald schon klärt sich auf

Dort oben wunderbar,

Ein gold'nes Geschmeide blitzet,

Es kämmt die bösen Sätze gar

Es kämmt sie mit goldener Utopie

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewalt'ge Melodei.

 

Den Streiter im kleinen Schiffe,

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die bösen Begriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, Verständnis verschlinget

Am Ende Hader und Streit,

Und das hat mit ihrem Ringen,

Die Toleranz getan.

 

 

 

"Frau Kanzlerin, weinen Sie für Afrika?", fragt Chefredakteur Geldof gleich auf Seite zwei und erhält umgehend eine Antwort, die so staubtrocken preußisch wie merkeltypisch ist: "Ich glaube nicht, dass das ein Erfolg versprechender Weg wäre."  ...

"Wir dagegen denken, dass man diese Ausgabe der "Bild"-Zeitung aufheben sollte zum Beweis dafür, wie rasch moralische Beweggründe sich in einen wohlfeilen Moralismus verwandeln können, der in verlogenem Kitsch und objektivem Zynismus endet.

Scheinheiligendamm "

Spiegel-online ein Tag vor dem 2. Juni 2007 über die Afrika Seite der Bild-Zeitung vom 1.6.

 

 
 

 

 

 

 

Das ist die Seifenblase

die da platzt

 

die bunt und schön

so schillert

 

und ist doch Spiegelung

Sekunden schönen Scheins

 

das Buch der Lieder

zaubert Paradiese

 

und Schwert und Flamme zittern

der Engel der sie streng bewacht

 

erhebt sich kurz

aus all der Nacht

 

 
 

 

 

 

 

Und wär es nicht verbrannt

du hättest es zerrissen

man spürt sehr wohl

wenn man verloren ist

dann ufert aus

was vorher Strenge war

und das Geschwätz obsiegt

süßlich galant Abarbanel

die Sonne Spaniens

die Loyola schuf

brennt unerbittlich feurig

dem Don Quichote folgt

ein Sancho Panso auf dem Esel

Haarü  Haarü

 

am Ende waren

in Spanien dann

im Kloster Santiagos

die Gebeine dessen

von Spinoza einst geraubt

dem du hier entflohst

 

die Söhne des Glücks

sie werfen lange Schatten

und spotten die

die sich verwandeln müssen

dreifach, vielfach

 

Sprache sie verrät

 

sidonisch aufgehitzt

in Schmeicheleien

Lust zu suchen

verliert sich

was einst herzlich

und natürlich war

 

und doch es bleibt

 

metallisch klirrend

fahl und blaß

hohnzuckend Tod

aus Masken springt

was nie an Schärfe sich verlor

 

der Schreck

 

auch wenn er tief

ins Wasser taucht

in fremde Worte, Werte und Gerüche

Kulturen, nackt sogar

er trägt die Farben seines Hauses

 

die Schleuder Davids

hat ihn aufgespannt

 

er ist der Stein

 

der fliegt

geschleudert wird

 

durchs Auge Goliaths

zum Anfang hin

 

 

* * * * *

 

Doch wo ist Anfang

 

in dem großen Plan der Schöpfung

 

am Ende ist der

 

der da rennt und rennt

 

am Ziel

 

das hinter ihm schon liegt

 

schon vor ihm war

 

eh er zu laufen noch begann

 

und die da fluchen

 

er entfernt sich

 

sind selber stehengeblieben längst

 

und haben sich

 

       entfernt dann doch

 

von dem

 

das sie zu hüten suchen

 

 
 

 

 

 

Das Wort

aus jenem Thoraschrein

das immer ist Geburt

es ist ein fremder Stern

der zieht dahin

und leuchtet

durch den Tod

 

die Engel

haben abgenabelt sich

 

und aus dem Staub

noch Asche

auf der Stirn

 

tritt unverletzt

die Frage

 

was unterscheidet diese Nacht

von all den andern Nächten

 

und diesmal

antwortet das Schweigen

 

eine offene Tür das Wort

ein leerer Becher

 

 
 

 

 

 

 

                                    gewidmet dem Yael Elya Institut

 

 

 

 

Die Raben des Elijah

 

 

 

 

 

 

 

Sie sehen den See nicht und die Nacht

sie fliegen blind durchs Dunkel nur ein Ziel

zu speisen diesen weisen Mann

der still vor einer Höhle sitzt und schweigt

auf kahlen Ästen rasten sie im Mund den Happen

in ihren schwarzen Federn noch ein weißes Haar

vom Barte oder Haupte des Propheten

es ist als ob er mit dabei auch flöge

durch Nacht und Leere, Schweigen, Tal

 

 

 

es ist als ob da alle Zeiten stille stehen

ein Flug der rabenschwarzen kahlen Nacht

und nur der Mond ganz bleich

inmitten silberheller Sterne, doch

sehen's die Raben nicht, solange sie

den Dienst zu sättigen

den Hunger des Propheten hat Gott

die Augen ihnen ganz gedeckt

sie sehen den Propheten nicht noch wie er speist

 

 

 

sie fliegen blind durch Wälder, Täler hin

an Felsen sicher ganz vorbei

und finden blind das Futter und die Stelle

sie picken's auf und hacken schnell

und wissen immer wo der Mund ist des Propheten

 

 

 

am Tag wenn Sonne heiß auch brütet gnadenlos

das Brot in ihrem Schnabel unzerkrümmelt frisch

so selten war ihr Flug so ganz gelenkt

der Raum war einfach Luft und Leere und

füllte aus doch alles restlos ganz ein Wille

 

 

 

nichts blieb da übrig, fiel daneben

es war genug und knapp und nie

zuwenig und zuviel, genau gemessen

 

 

 

und unter ihren Flügeln breitete sich aus

ein Schweigen das sie nie gekannt

 

 

 

im Innern strahlte eine Helle wie noch nie

als hätten sie die Sonne ganz verschluckt

und ihre schwarzen Federn spannten eine Weite

die fächerte den Himmel gänzlich auf

 

 

 

selbst wenn sie flatterten kurz über einem Ast

es war als ob sie stille standen

und plötzlich fiel von ihnen alle Schwere nur hinab

 

 

 

und wenn sie wieder Erde unter ihren Füßen

war weder Kälte noch, noch Hitze

und selbst im Regen wurden sie nicht naß

geschützt in einer Regenbogenhaut wie nie

 

 

 

die Kanten ihrer Schnäbel waren glühend Messer

die tief und glatt das Fleisch zerhackten

und ihre Krallen hielten eine Beute

die sie nicht sahen, die ganz bereit und

willenlos der Schärfe ihres Tuns entgegenbrach

 

 

 

kein Tropfen Blut fiel auf das Gras

wie flinke Schatten flogen sie und ließen

alles unberührt und unversehrt

 

 

 

nur wußten sie, der alte graue Mann

er liebte ihr Gekrächze, er hatte

sonst ja niemand außer Gott

mit dem er sprach

 

 

 

so kreischten sie

daß selbst im Fels

ihr wildes Kra-Kra-Kra

Gekrächze schrak den Stein

 

 

 

und fütterten den schweigenden Propheten

mit Sprache eines fremden Flugs

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

Und diese Raben

blieben in der Welt

 

an ihnen blind erkennst du

die Flügel Gottes

 

ihre Federn zerfetzt

an Stacheldrahtzäunen, Drahtverhauen

 

über Apellplätze hinweg

durch Todesmühlen hindurch

 

sie setzen ihren Fuß nie lange auf

sie sind im Nu schon wieder weg

 

über Aschenplätze, glühende Halden

 

sie sehen

und sie bleiben blind

 

die Galgen derer

die man stieß hinweg

 

sie nähren sich von dem

was ausgesetzt nur Futter

 

gefällt und hingestreckt

 

die Augen ja auf Schlachtfeldern

auf Todesminen

sie pickten sie zuerst

 

die glasge Stille

die wenn nichts mehr bleibt

 

die Lippe

die nun nicht mehr spricht

noch schweigt

 

wo nur noch Masse ist

was eben Mensch noch war

 

die Stirn

die nun das Denken los

 

das Haar als Spiel

zerzupft sogleich

 

und nur der Wind

streicht über kahle Haut

 

und Regen wäscht

das Blut nur tiefer in den Sand

 

der grau ein Staub

 

nur ein Vergessen ist

 

 
 

 

 

 

 

Sie fliegen durch die Finsternisse

hin über Felder nur des Tods

wenn alle Hoffnung ist gebrochen

und aller Laut erstickt

wenn Schatten nur das Wort

weil es entmenschlicht wurde

wenn Gott ist auf der Zunge

nur ein Gebet noch stumm verlassen

ein Schrei nur noch

ein Zucken eine Lähmung

eine tote Miene

sie fliegen unberingt

und tragen doch

im Herzen gelbe Ringe

 

 
 

 

 

 

 

Sie sind die Erinnerungskultur Gottes

der nie in Universitäten hat studiert

und alle Daten sind in ihnen

eingebrannt ein Kra Kra Kra

auf ihren Schwingen schwingt

das Schweigen mit das stets

in all den Daten die da kalt

gelistet und verwaltet

einsam ungehört noch haust

und nur die Raben wissen

der Schrei ist zu beziffern nicht

 

 
 

 

 

 

 

Aus den Flügeln der Nacht

werd ich nehmen

 

das verbitterte Brot

 

das Salz aus den Seufzern des Leids

schöpfen das Grau aus all den Anstaltskitteln

 

die Leere der Wände

die Antwort nur waren

 

die Stumme im Blick

 

eisiges Schweigen

 

die Finger die kalt

nur erstarrt

 

aus der Schrecknis heraus

 

werd ich kratzen den erfrorenen Segen

 

und legen dir

 

taub auf die Lippe

 

der Rabenfeder Glanz

 

das gewendete Weiß der Engel

 

 

 

 

 

 

Und da kam er, schlug an

und flog durch die offene Tür

und nippte am Becher

offen die Tür war der Nacht

und durch die engen Gassen

flatterte ein Schrecken

und setzte sich

ins Aug des Rabbi ganz

als er sah das blutend etwas

und die Gäste die da mimten

mimte er sogleich auch mit

bis er warf das blinkend Silber

in die Fluten tief des Rheins

daß da nichts mehr glänzte

in der Nacht die dunkel

das Exil ihm nun gebracht

 

 

 

 

 

Wie ein Rabe imitiert er

ahmt nur nach und täuscht

gar selbst ja so ist es

Hundeleben in den Gassen

muß man bellen mit dazu

in den Wiesen zirpen Grillen

an den Teichen schnattern schnattern

Schnatterels und Gänserich

an den Mauern Gassenhauer

bei Moral nur kurz erschauern

bei den Demonstranten dann

buhen muhen rufen

an der Uni fabulieren

alles glatt nur ein Zitieren

ja so ist das imitieren

in der Liebe nur bei aller Kunst

 

bricht das Herz

 

 

 

 

 

 

Auf der Kapelle sitzen Raben

Jahrhunderte schon lang

sie sprechen mit den Speiern

durch die der Regen fließt

den Drachen und Dämonen

den Fratzen und Chimären

wenn unter Wolken ganz die Stadt

der Regen über graue Dächer gießt

und Stille breitet sich dann aus

Gekreische und Gekeife in den Gassen dann verhallt

und auf dem Kirchturm drüben

der Hahn er rostet in dem Wind

der Hahn dort auf Sankt Peter

dem einst er auch gekräht

die Höhen sind nun wieder frei

die Galgenberge weg, die Hakenkreuze auch

der alte Friedhof ist nicht mehr

die Steine alle weg, die Gräber zugeschüttet

wir gehen immer über Gräber

und wissen es oft nicht

die Wasserspeier spucken alles aus

den Regen und auch das Vergessen

das in den grauen Schieferdächern haust

doch hier in diesen stillen Mauern der Kapelle

ist unbedeckt der Himmel offen

noch vieles was in dieser Stadt

fühlbar zugegen

es singen hier die Vögel über Gras

und fliegen durch die hohen Fenster

durch kein Portal tritt man

mehr ein noch aus

Natur schuf mit den Zustand der Kapelle

und trug den einen Flügel ganz hinweg

er rutschte in die Tiefe

so sackte ab der alte Eingang

mit der Madonna und dem Kind

direkt inmitten steht man nun

und geht hindurch und auch vorbei

wo früher war man ganz schon mittendrin

und steile Treppen führen nun hinauf

wo früher sanft man von der Seite

durch Gärten, Weinberg hochgeschritten

die Schatten der Kapelle waren

Pilgerfahrten, ferne Muscheln

doch auch das Schwert,

Verfolgung und der Strick

man mordete im Namen dessen

der gemordet wurde doch wußte

niemand dann von wem, das heißt

es wußte jeder dann sofort und schon zuvor

und selbst nach Generationen noch

die Enkel zeugten was sie nie gesehen

so schafft man immer neue Opfer

und sucht den Haß den Feind sich aus

im Namen Christi, Allah oder der Vernunft

des Fortschritts, der Gefahr des Vaterlands

des Lebens ohne Raum, Revolution, Globalisierung

der Freiheit, Toleranz, der Sitten

und wir verteidigen in fernen Ländern

die wir gar nicht kennen

seit jeher Kreuzug stets

das was uns auch dann

kommt abhanden das wozu

doch in den Mauern der Kapelle

die Pfeiler stehen noch

die Pfeile sind hinweg

am Ketzerufer Scheiterhaufen auch

es spannt sich nicht der Bogen mehr des Haßes

die Pfeile sind hinweg

das Dach gleich mit

als Feinde sprengten hier die Burg

oder verwitterte es ganz einfach

als die Konfessionen sich bekriegten

und vieles nicht mehr tauglich war

Bilder und Skulpturen

das vorher heilig war

der Leichnam der gemordet

kam abhanden

der Sinn so der Kapelle auch

es hielten nun die Raben Einzug

die Schlangen, Mäuse, Würmer auch

der Wind pfiff durch die Fenster

der Regen klatschte naß ins Gras

doch da entdeckten dann

die tiefen stillen Augen der Romantik

daß hier was aufgebaut

was mehr war als Progrom und Grabesstätte

in diesen Stein flocht sich ein Schicksal ein

daß aus dem Dunkel der Geschichte

sich hell in Kunst erhob

die Höhe feiner Sandsteinrippen

das Maß, die Proportion, die Zahl

daß hier erschaffen etwas was sonst nicht

gebaut ein Wille ganz aus hohem Streben

der ohn Zuviel und Übermaß und Zier

schlicht einfach diente einem hohen Zweck

der alle Niederungen überragte

und mitten in dem toten Stein

da wachte auf die Seele

und die Romantik fand hier ganz zu sich

und staunte vor dem Werke unbekannter Meister

Gott schenkte die Kapelle neu

und trug da ab die alten Schatten

die nochmal fürchterlicher flammten als zuvor

und jede Quelle nun versiegt

aus der dann Blut nur sprudelt

und Nischen leer

kein Buch mehr drin

kein Kruzifix kein Grab keine Monstranz

und Nischen leer

so wie ein Thoraschrein

das Buch das mußt du selber sein

dein Herz dein Wort

und Nischen leer

so wie ein Thoraschrein

es gibt kein Herz

das außerhalb

was Gott gegeben

auch die Engel der Finsternisse

übersteigen nicht den Glanz

den er der Schöpfung hat gegeben

und leer der Thoraschrein

auch der in jenem alten Haus

wo die Gesetzesrolle überlebte

die alte Synagoge ist verwaist

wir alle immer Pilger sind

egal was wir auch suchen

oder nicht mehr wissen

was wir suchen

was zu suchen

Jerusalem ist in uns

wenn wir finden

und ist doch immer

unser fernstes weitest Ziel

wir sind nur auf dem Weg

der immer Anfang ist

auf halber Höh

wo breit der Fluß

die weite Biegung macht

und öffnet groß das Tal

zum Süden hin

das abwärts dann

in Bergen felseneng gestaffelt

da wacht sie

oberhalb der Stadt

offen ihre Bögen

und grüßt den Strom

den Reisenden von fern

und ihre hohen Fenster

strecken hoch sich in den Himmel

und fallen ins Auge schon von fern

ihr rotes Sandsteinfeuer leuchtet

die Raben hier auf der Kapelle

sind Wächter über dieser Stadt

daß nicht die Wölfe wieder kommen

und fressen Haut und Haar die Seelen auf

auf graue Schieferdächer fällt der Regen

und  DER  in leeren Nischen scheinbar schweigt

nicht wir, nur  ER  kann geben

so wie der Strom durch Engen fließt

aus Wunden spendet  ER  den Segen

und die Kapelle über dieser Stadt

vermag der Denkmalschutz sie auch einzufrieren

ist nun das Haus der Raben

 

 

 

 

 

 

 

Und aus der Nacht heraus

kam er

 

den brennenden Raben

auf der Stirn

 

es schrieb sich in den Fels

geheime Zeichen

 

geschwärzt, erstickt

gebrandmarkt, numeriert

 

war's Feuer, Asche oder Rauch

 

ein H, ein A, ein M, ein R

 

das weiße Lamm

es färbte sich ganz rot

 

und seine Hände

waren Rauch

 

für immer

legte er

 

die Asche

in das Wort

 

 
 

 

 

 

Hölderlin du

Bruder in Stumme und Fels

von Göttern geführt hinab

den pindarischen Pfad

hast du die Helle gesehen

durch die Gewitter hindurch

blitzte das Morgen dir auf

Diotima Pythia lebt

wild blüht der Lorbeer

weit blickst du ins delphische Tal

und kehrst zur Kastalischen Quelle zurück

am Hang des Parnassos

wie oft bist du geschritten im Traum

im dunklen Efeu sahst du

und branntest ein Feuer tief in die Nacht

Schatten da zuckten und stumm

legte sich Schweigen auf Fels

was in den Fesseln sich wälzt

Stimme war's des freigeborenen Stroms

was aber spaltet die Erde, zerreißt

und stürzt schlangengleich

sich durch Täler und Berge hinweg

städtegründend und Rebenhänge

flutenzerbrechend Dämme entzwei

nichts das da zähmt neu Ufer zu schaffen

brückenlos Abgrund und doch Findung zugleich

trümmerlos starkausdauernd kräftiger Sinn

zu fühlen teilnehmend ein anderer zu sein

aus heiliger Fülle der Weingott speist er die Raben

entweiht die Knechtschaft schlägt mit Blindheit

die sich erhitzen nur ergötzen und ergrellen

mühelos schenkt er den Himmel und legt

auf die Schultern Helle und Glanz einer Stille

nah ist unfaßbar was uns rettet noch fern

in unbekannte Meere strömt was hier noch wellt

und fällt am Ufer tropfenweis am Treibholz ganz herab

wie die Söhne der Erde sind so empfangen sie auch

durch das Dunkel bist du ganz geschritten

durch die Nacht die unser Tag

niemand schröckt hier mehr was auf

darum überrascht es nicht

wenn unter Lasten ganz die Freud erstickt

im Schatten des Walds erwacht

das dämmrige Dickicht nicht mehr

unversöhnlich erstarrt sind

die vom Blitz getroffenen Bäume

die Nacht geht hinunter zum Ufer

es säuseln die Weiden nicht mehr

umgewandelt ist die Zeit

hastet schneller nun vorrüber

wo ist das Maß zu tragen das Schwere das Leichte

Glück und Unglück zugleich Lob und auch Klage

du greifst den Erlenkönig an und stützt ihm auch den Rücken

bei Tage wenn es fieberhaft und angekettet das Gedächtnis

nachts kehrt im Traum uralte Verwirrung auf und über

Felsen springt was eben noch im Feuer ganz erlosch

 

 
 

 

 

 

 

Wer den Rhein bereist

sieht nur die Wellen

und die Tiefe fehlt

er sieht die Burgen

nicht die Schatten

der Kirchen Äußeres

doch nicht

das was verstummt uns ist

er sieht die Mauern

nicht den Zwang

er hört am Ufer

keine Rufe mehr

"Hol Über "

im Nachen keinen Fang

es glänzt und glänzt

es blinkt und blinkt

nichts das nicht teuer

wieder aufgeputzt

die kahle Anmut

ihre scheue Geste

ergreift ihn nicht am Arm

er wird hinweggeführt

gelotst im Leitsystem

in Flitter und Tamtam

erhitzt mit Wein und aufgegrölt

belehrt und zugeteilt und abkassiert

doch führen Schritte noch hinaus

noch gibt's die Pfade

das Erlebnis wird

was Fels und Strom

an steilen Bergen

fällt von freier Höhe ab

der Wind frischt auf das Tal

und Atem wird ein Feuer ganz

das auch durch Dornen, Schatten geht

der Sonne zu

 

 
 

 

 

 

Über den schwarzen Kähnen

flattert das Netz

trocknen die Fische im Wind

ausgedörrt

hungert am Ufer

ein Blick

der sich getaucht

ohn Schrecken

ins Absichtslose ganz

 

 

* * * * *

 

 

Hier an der Mündung des Bachs

da mündete ein Verbrechen

da warfen sie hin

was aufgeklärt wurde nie

 

den Ermordeten

den sie zusammenschlugen

und er trieb hinweg 
 

 

 

 

 

Es zittern in der Nacht

die Flügel

 

des Menschen Wort

wäscht sich

am Ufer aus

 

es treiben in dem Strom

die Augenblicke

 

Zeit schwemmt sich fort

 

tief ins Vergessen

 

und Strudel Sog

saugt auf

die Stille

 

 
 

 

 

 

 

Ich habe deine Seele geschmiedet

an die rostige Kette Verlassenheit

ich habe deine Flügel gestutzt

wenn himmelwärts der Flug beginnt

über dem verheißenen Land

das in der Sonne da brennt

Weinberge voll die Aprikosen genommen

ich habe deine Seele geschmiedet

in den Schmerz der Trennungen hinein

wenn die Abendsonne Abschied glüht

Wasser dir genommen das da

löscht zu Mittag den Durst

alle Ufer dir unerreichbar gemacht

deine Seele geworfen in den Wind des Verzweifelns

ich habe dich genetzt mit dem Wein meiner Liebe

geküßt mit der Rabenstille der Nacht

 

 

 

 

 

 

 

Es ist die Klage

die der erste Atem ist

zu rühmen ganz

außerhalb des Willens

den Glanz der

abhebt von den Schatten

ihre frühe Spur

die Helle die auf allen Dingen lag

als noch der Tau und Raureif

unberührt den Morgen ganz bedeckte

 

 

 

 

 

 

Und weigerst du mir

Haar und Mund

verschleiert dein Gesicht

die hohe Stirne ahn ich doch

den Engelsgriff im Nacken

und über deinen Kopf streicht hin

des Krähenfluges sanftes Schwingen

und deine Hände kalt

sie trennen mir die Seele

 

 

 

 

 

 

Wenn deine Hand

sich auf die meine legt

sind Welten schon dazwischen

tauchen Nächte längst gelebten Lebens

plötzlich wieder auf

tauscht das Morgen sich mit finstrem Tod

 

 

 

 

 

 

 

Und sieh den Strom

den Berg, den Fels

du glaubst, es sind

nur Silhouetten

und sieh den Flug der Vögel

Huschen der Spinnen

das Wachsen der Brennessel und Reben

Surren der Bienen

das Dösen der Eidechsen

auf heißem Schieferstein

du glaubst, es sind

nur Silhouetten

und sind doch Schattenspiele

ganz der Seele auch

die leuchtet hell in diesem Tal

 

 

 

 

 

 

Durch Trennungen zu gehen

wie durch ein Abschiednehmen

du bist schon stark

läßt alles hinter dir

der Schritt ins Aus

das Wagnis ist der Sprung

der erste Schritt

den Abgrund rettend

dich zu überwinden

 

 

 

 

 

 

Du suchst nicht Ufer

die nicht zu erreichen sind

du suchst nicht Inseln

die nur treiben schnell dahin

du suchst nicht Fels

der morgen schon ist weggesprengt

du suchst den Schilf

der biegsam tanzt

und dessen Halme

des Windes aufgewirbelt Ufer sind

 

 

 

 

 

 

In diesem Buch

da sprangen Schlangen raus

da gingen Kronen

ganz verloren

ersäuften sich

die Adler wie die Löwen

sprang plötzlich

die Kokarde auf der Stirn

die Revolution

bis Blücher dann

Garaus gemacht

als Totenstätte voll von Toteninseln

wollte man es dann erküren

als Erbe der Kultur steht es der Welt nun offen

dies Buch es war

Geschichte dieses Stroms

 

 

 

 

 

 

Ein Maß ist in den Dingen

das in die Ferne weist

 

der Strom der ist ganz Welle hier

und doch auch schon das ferne Meer

 

ein Maß ist in den Dingen

das in die Ferne weist

 

zeigt, daß nichts nur

in sich besteht

 

und alles weist

schon über sich hinaus

 

Begegnung schon

in einem andern

 

und kommt auch alles

von überall hier hingereist

 

so bricht doch auf

von hier stets noch

 

die frühe alte Spur

was hier gelebt, gewirkt

 

ein Maß ist in den Dingen

 

und bricht

zu neuen Ufern auf

 
 

 

 

 

 

 

Das Maßwerk in dem Stein

dort oben der Kapelle

sind zarte Gitter doch

aus Sandstein feine Rippen

Kreuzesblumen und Rosetten

die Licht einfassen

doch ohne es zu brechen

zu verdunkeln

oder bannen es

in Glas hinein

daß schimmert durch

nur trüber Schein

der Himmel ist gegittert nicht

er ist gefächert nur und tritt durch jedes Fach

das Licht doch ungebrochen ein

und stehst im Innern du

des Kleeblatts der Kapelle

dein Auge wird zur Höh

daß sich zum Himmel wendet

was hier auf Erden schon erblindet

die Leere ganz des Himmels

in einer Klarheit nackt

tritt unverhohlen vor dich hin

hier stehst du ganz

durchs Maßwerk siehst du

durch Gitter die nicht Gitter sind

weil freien Blick sie nur erschaffen

der Himmel kommt und

fällt dir in das Aug

du schwebst mit in die Höh

dir schwindelt blickst du lange

es spannt der Bogen der Kapelle

dich ganz in eine fremde Haut

und deine Enge spürt

die Weite vorrgerückt

ein neuer Atem frischt dich auf

dein Fuß faßt fester noch die Erde

der Himmel hat sich dir geschenkt

in deinem Blick durchschreitest du

das hohe Fenster ganz

der Kapelle Maßwerk

hohes Tun

der Himmel unverglast

und unverstellt

nicht vorgefärbt

noch sonstetwas

und du schaust hoch

dies leere Maßwerk

ohne Blei und Fensterglas

beschenkt dich reich

durch Zartheit

die der Leere

gibt den Raum

 

 
 

 

 

 

 

Die Arme

zu beiden Seiten

der Fluß nur sind

der Kopf die Burg

die Rabenhöhe ist der Scheitel

die Türme Finger

das Herz der Stadt

am rechten Fleck

Wahrzeichen sie

Stolz und Wunde

pochend rot

ist die Kapelle

wie eine Knabenkrone

aufgesetzt

 

 
 

 

 

 

 

In diesen Burgen

schritten Staufer einst

was immer das auch war

es waren Staufer ganz und gar

mit Haut und Haar

die hassten sehr die Welfen

und heirateten sie doch

zu Stahleck hier

das weiß man noch

 

 

* * * * *

 

 

In dieser Stadt hast du gelebt das hieß

du kanntest alle Leute    das sollte

damals so noch sein   und bei Geschäft

auch noch die Dörfer   und in den

Uhrenbüchern  Einkauf  Reparaturen

da tauchen alle Namen wieder auf

die mehr gespeichert als je Datenschutz

zu Hause stets aufmerksam vorhanden

und wer mit wem und wo und wann

das wußte meine Mutter dann

die Stadt das war die Welt   gab

es noch etwas außerhalb des Rheins ?

die Welt die war die kleine Stadt

was sollte außerhalb schon sein ?

auf der Insel stets die Felsen vorn

dort  Pfade wie in eine andere Welt

die Sonne schien mediteran

und war doch hier

 

 
 

 

 

 

 

Die kleine Welt

sie öffnet ihre Schranken

das Schöne

an der kleinen Welt

daß sie ein Universum ist

dagegen ist das All sehr monoton

 

 

doch stirbt sie ab

die kleine Welt

und starb auch ab

seit je und bleibt

doch gleich ein

 

Spinnennetz

in Holzfassaden

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

Und diese kleine Stadt

ist eine Sanduhr

aus Lehm, aus Fachwerk, Stein

aus Vorzeit rinnt der Sand noch gar

hin in die immer neue Welt

der Rhein fließt stets vorbei

mal wird die Sanduhr umgedreht

dann wechseln Konfession, Ideen und Partei

mal römisch, keltisch, dann germanisch

kölnisch, fränkisch, pfälzisch

dann spricht Französisch man sogar

dann preußisch bieder wieder national

dann Mainz, Touristen und das Erbe

in dieser kleinen Sanduhr

rinnt der Sand

als ob es sonst nichts gäbe

die Zeit scheint langsam

hier zu rieseln sacht

und sommertags zu dösen

und manchmal

scheint sie still zu stehen

dann fängt ein Blick

sich in der Tiefe

und holt aus grauer Vorzeit

einen Stein hervor

 

 
 

 

 

 

 

Sie mauerten sich ein

sie mauerten sich zu

verteidigten sich gar allzusehr

am Ende blieb der Angriff aus

die Parolen gegen Feinde blieben leer

und man kämpfte selber so

jeder nun im eignen Haus

in den engen Gassen

gegen Hunde dann des Nachbarn

von den hohen Türmen aus

schaute man, ob nicht ein Schiff

komme bald, daß eine Flagge noch

oder sei es nur ein Wimpel klein

der noch ungezwungen keck

frei im Wind sich dreht

ungemauert ungetürmt

wenn es stürmt

dann ist's hier aus

fliegen alle Schiefer von den Dächern

wackeln alle Fachwerkwänd

knarren alle Eichentür'n

fliegen alle Korken raus

alle Säufer von der Trepp

von den Fäßern gar der Spund

nur im Suff da ist man frei

ohne Mauern, Türme los

ist nur voll der Becher

fühlt ein Herz der Zecher

ist es auch ein Glas

funkelt rot die Nas

der Wein erhitzt sehr die Gemüter

am Abend und des Nachts

am Morgen ist man stumpf

am Mittag dann ganz bieder

am Abend geht es wieder los

die Rentner nur die trinken

am Nachmittag schon ihren Schoppen

gehen früher dann zu Bett

im Alter hat man nicht mehr

allzuviel zu hoffen

 

 
 

 

 

 

 

Die Stadt der Mythen und der Türme

der Kronen und der Macht

die früh schon Stadt des Adlers war

erst römisch, staufisch dann

und früh den Löwen trug

den ersten Pfalzgraf hier bei Rhein

der gallische Hahn er krähte nicht sehr lang

der Hahn im Posthof da schon länger

 

der Name dieser Stadt

der vielen Juden auch den Namen gab

ein altes Zauberwort

ein ra ra ra

ein Rabengekrächze

auf Elsterstein

eh dann als

Bacchi ara

Altar des Weingotts

Fels im Rhein

die Möwen pickten

saure Trauben

doch in dem Feuer

dionysisch neu

zuckten immer noch

die alten wilden Raben

ganz hervor

 

egal wie sie auch tüftelten

die Philologen hacken jämmerlich

die Buchstab wie die Würm

am Ende landen sie im Sumpf

 

der dunkle Name dieser Stadt

so finster wie die Nacht

ohn helles i  und  e

nur dumpfes a  a  a

monoton Vokal der Stille

dreimal Magie des Sabbathrufs

gekrächzt im  r

verhallt im  ach  ach  ach

 

es ist die Stadt des Raben

der alte Kelte

trug ihn auf der Brust

im Herzen eingraviert

ganz schwarz

 

 
 

 

 

 

Fronleichnam   Heiligendamm 07

 

 

Im schwarzen Block

da streuten sie

die Veilchen aus

auch Schlüsselblumen, Margeriten

und Farn vom Kühlberg

ganz viel Farn

darüber sie geschritten

der rote Mohn er leuchtete

ganz wild dazwischen

und vor den Häusern Tannenzweige

Fähnchen an den Fenstern

der schwarze Block

er kam dahergeschritten

ganz langsam und allmählich

und machte plötzlich Halt

und blieb dann stehen

an Altären, die sie aufgebaut

die häßlichsten der Omas

auf Treppenstufen arrangierten sie

die schönsten der Madonnen

der schwarze Block

die kleinen Mädchen all ganz weiß

ging durch die Gassen der Diaspora

mit Singen, Klingeln und Tam Tam

sie feierten die Toleranz

und unter einem Baldachin

leuchtete golden die Monstranz

hochgehoben von dem Priester

während schwarz gekleidet Männer

der Bäcker, Lehrer, Klempner

schwitzend stangenweise

etwas trugen oder hoben

doch plötzlich erschall

ein großes Niesen

Rabegretchen von nebenan

die alte Protestantin

sie roch am Fenster am Persil

um so zu stören laut

allzuviel dergleichen Toleranz

es waren doch Schwarze, Katholiken

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie Bumerangs

fliegen die Heiligenscheine

über die Reliquien

kommen zurück

oder abhanden

 

aber ihr Flug

jahrhundertelang

nicht nur etwas was

ganz unten rumorte

volksheilig und so

irgendwann lange

vor der Neuzeit

 

im Radiergummi der Kirche

auszustreichen auszutilgen

verschwimmen Jahrhunderte

wie Nichts vor dem ewigen Tag

 

aber der 19. April 1287 dauerte lange

verdammt lange

 

der Radiergummi muß da schon etwas

länger und tiefer

mehr als nur Mittelalter kratzen

 

sonst wirkt er nur flach

 

 
 

 

 

 

 

 

Die Stadt

die keltisch war

die protestantisch war

vielleicht auch teils noch ist

sie war nie so versiert

in römischen Kalendern, Formularen

Listen, Namensgebern und Talaren

sie hatte Pech

mit ihren katholischen

Heiligenbildern und Kalendern

der alte riesengroße Christopherus

eine ganze Innenseite in der Peterskirche

passend ganz zum tiefen Strom des Rheins

ist heilig auch nicht mehr

zu heidnisch seine Kraft

wie er das Kindlein trug

das neideten die Glaubenswächter ihm

 

 
 

 

 

 

 

Die Heiligen kommen und gehen

sie sind im Himmel schon all

auf Erden verschwinden die Knochen

oder werden neu sortiert sodann

ganz umfrisiert

Barmherzigkeit ist in

der Deutsche Orden out

Schwerter wurden nie

an Altären je gewetzt

fragst du mich

was heilig ist

ich sag es dir

ganz leis ins Ohr

es steht in keinem Kalender

ist nirgends verzeichnet

es ist wenn die Linde hier rauscht

im Duft ihrer Blüten

 

friert Gott

 

 
 

 

 

 

 

 

Der Knabe  war schön

nackt

und voller Veilchen bedeckt

die blühen hier am 19. April

die blauen Veilchen

Blumen schon des Tods

George steckte sie

Maxim ins Haar

 

 

der Rhein schafft stets

sich seine Knabengötter

opfert und verjüngt sich so

 

 

Pu(e)ricelli der Name spiegelte sich

in alten Fotos nackter  wilder

sizilianischer Jünglinge

efeuumkränzt

hat George je sie hier gesehen

 

 

selbst der Islam

er setzt die Krone auf

den Knaben

für nur ein bißchen Haut

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fronleichnam/7-6-07/freundliche Einladung von Herrn Pevzner zur Jüdischen Gemeinde in die Liebigstraße 21 a/Marburg /mit meiner Frau erlebe ich tief ergreifende traurige und fröhliche Lieder/Beim Eintritt vorher noch einen gemalten Hinweis gesehen "Ausfahrt ins Hoff"/ ein altes Klingelschild noch gesehen mit den Namen Klibansky, Eichberg, Nußbaum, Seidler, Hirsch, Thorion, ich habe geklingelt und betrat die Synagoge.
 

 

 
    http://oyfnveg.ru/                                              http://www.jg-marburg.de/
 

 

Dieses Lied, ge­nauer seine Melodie, ist wohl durch den Gesang von Donavan unter dem Titel »Dona, Dona« das bekannteste jüdische Lied in Deutschland. Aber wer weiß schon, daß es aus dem jüdischen Ghetto in Warschau stammt?

Wer weiß schon, daß es Itschak Katsenelson unter dem Eindruck der De­portation seiner Eltern nach Auschwitz schrieb? Wer weiß schon, daß er selbst später in Auschwitz durch Giftgas im April 1944 ermordet wurde?

Die letzte Strophe heißt in Deutsch: »Arme Kälbchen darf man binden, und man verschleppt sie und schlachtet sie. Wer Flügel hat, fliegt in die Höhe und ist bei niemand ein Knecht."

 

Dr. Benjamin Ortmeyer

 

 

 

 

 

 

 

 

Elsterlein

aus der Dachluk

siehst du Fahnen, Wimpel

hörst die Reden

 

im leeren Uhrenkästelein

versteckst du dich

doch die Zeit sie bleibt nicht stehen

 

egal wie du auch flatterst

wild und unbequem

sagst du auch kein Ton

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

 

Elsterlein fielst aus der Nacht

in den Brunnen tief hinab

niemand half dir

fielst nur ganz

ist kein Rand dir und kein Ufer

fielst hinab

bis auf den Grund

 

egal wie du auch flatterst

wild und unbequem

sagst du auch kein Ton

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

 

Elsterlein

durch die Dachluk

siehst du leere Gassen

grüne und auch weiße Kittel

schwarze und auch braune Stiefel

weiße Schuh'n

 

Elsterlein wirst aus der Welt

sortiert und die Dachluk

zugebrettert

 

egal wie du auch flatterst

wild und unbequem

sagst du auch kein Ton

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

 

deine Träne Elsterlein sie

fing der Wind, Träne,

die da nie geweint, Schrei,

der nie geschrien, nie

gehört

stumm der Rauch

da flatterst du

 

deine Flügel ganz gespreizt

wurden dir zertreten

 

eine Feder schwarz

sticht mir noch ins Herz

 

egal wie du auch flatterst

wild und unbequem

sagst du auch kein Ton

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

 

Elsterlein

aus den Himmelswolken

guckst du

niemand

sieht mehr dich

weiß geworden

deine Flügel

 

doch dein Schrei

er fiel hinab

Asche tief ins Wort

 

egal wie du auch flatterst

wild und unbequem

sagst du auch kein Ton

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

Donaj, donaj, donaj, donjaj, donjaj, donaj, donadaj

 

 
 

 

 

 

Wir leben in dem Tal

das Erbe ist

der Welt nun offen

Gäste kommen in das Tal

kommen da aus aller Welt

Sprachen und Nationen

Gast wir selber sind

auf Erden in dem Tal

das Erbe ist

doch Erbe heißt nicht Tod

Erbe kein Museum ist

Kulisse nur, Fassadentor

 

 

Erbe heißt wir leben

hier in Felsen und am Strom

von Natur so reich beschenkt

Sonne uns hier lacht

fröhlich, heiter, unbeschwert

doch wir leugnen Schatten nicht

mit uns leben die hier

auch gelebt, gestaltet

mit das Tal

die hier gelitten auch

 

 

Heine lacht mit uns und zecht

niemals wollen wir ein Erbe

das uns Heine stellt ins Abseits

davon hatten wir genug

kein Versuch mehr zu besudeln ihn

unser Erbe sind wir selber

unser Leben, Denken, Lieben, Tun

unser Erbe ist kein Monopol

weder für Vereine noch für Gastronom

viele Burgen gibt es hier, viele Ecken, viele Zentren

wo da jeder will der Größte sein

davon hatten wir genug

unser Erbe ist wir lernen

gemeinsam zu gestalten Leben, Strom und Stadt

 

 

Viele Stimmen sind dann da

viele Blicke, viele Sichten

unsere Kinder sollen frei

selbst entscheiden stets

daß hier immer neu

blüht das Tal

das uns Erbe ist zum Leben

weder eingefroren in Schablonen

weder Abziehbild, noch Etikett

 

 

 

 

nicht nur Geld nur und Tourismus

wir leben auch im Winter hier

Wein schenkt sich zusammen besser ein

unser Erbe ist nicht vorgegeben

lustvoll will es immer neu gestaltet sein

unser Erbe ist freier Atem hier am Strom

 

 
 

 

 

 
Das - Schopenhauer mißbrauchend -  zielt auf Heine und seinen Text.

Dafür  Toleranz wie für den Besudlungs- und Verhunzungsjargon ?

Der tritt am Mittelrhein hier nicht zum ersten Mal auf.

Solch ein Weltkulturerbe-konzept soll Mainz für sich behalten

samt dieser 16 seitigen Broschüre.

 

 

Der Verfasser sollte zur Besinnung kommen - jeder liegt mal falsch-

oder überreizt falsch auch aus guter Gesinnung heraus -  es ist ein sehr erhitztes

 Trockenklima hier, fast vulkanisch eruptiv - am Ende bekommt der Verfasser noch

 falsche Gäste, aber ich weiß, daß er nicht zu diesen gehört.

Denk!mal, wenn Denken nützt, dann sollte man  Worte überprüfen,

aus welcher Gebrauchskiste sie stammen ! 

Ich toleriere und achte seine Liebe zu dem Denkmal und seinen Einsatz

für das Weltkulturerbe, das sich leider bisher zu wenig mit

Schatten und Widersprüche der Geschichte und Menschen befaßt hat,

sondern mehr mit Insekten und Fledermäusen.

Ich wünsche dem Verfasser, daß der Hahn so richtig kräht,

daß er erwacht. Und Kraft, Phantasien und Ideen nicht vergeudet.

Denn ich weiß, er hat davon ganz viel.

Und seinen Einsatz für die Gegend hier möcht ich so wenig missen

wie den Wein bei ihm.

 

 

 

 

 

 

 

Ach die armen Fisch

tanzen auf dem Tisch

 

plötzlich ist das Tal ein Erbe

und der Strom nun rein Kultur

 

die geschrieben wird mit h

Rheinkultur

 

und das Wasser gar kein Wasser mehr

 

Vater Rhein setzt sich die Krone auf

und posiert mit schönen Damen und auch Herren

 

Hagen, Nina Hagen alles ist nun eins

 

ach die armen Fisch

tanzen auf dem Tisch

 

schnappen nur nach Luft

ganz betört vom Weltenduft

 

jede Schuppe auf der Haut

spiegelt nun den neuen Hauch

 

und mit Kiemen und mit Flossen

alles ist vom Erbe ganz durchflossen

 

und man wartet auf die Fotografen

auf die Herren von Politik und Fernsehen

 

schnell noch lächelt jeder fein die Kieme

Weltkultur ist nun die Schiene

 

ganz erstarrt von soviel Ruhme

plötzlich ist man nicht nur Fisch

 

sondern Teil von einem Ganzen

das durchschwemmt das ganze Tal

 

wo doch sonst die andre Eck

war nur leer ein Fleck

 

tapfer hält man Erbe aufrecht

unverdrossen mit der Flosse

 

ist die Welt zu Gast

hat man nicht mehr Rast

 

alles wimmelt, plant und denkmalt

alles bistrot, flammt und gart

ach das Wasser ist kein Wasser mehr

siedet hoch sich ganz zur Loreley

 

in dem Haar der alten Nixe

kämmt sich nun die ganze Wichtigtuerei

 

ach wer war nur dieser Ahn

der vermachte uns den Kahn

 

daß wir erben nur am End

Nachen ohne Wänd

 

keine Ruder mehr

Lotsen längst dahin

 

löchrig ist der alte Kahn

stillgelegt und aufgebockt

 

ausgedörrt und ganz verschlissen

welcher Ahn hat uns beglückt

 

linkes Ufer

rechtes Ufer

vorne, hinten

mit der Strömung

gegen sie

alles ist nun

ohne Wahl

Erbe nur im Tal

welche Qual

 

Nikolaus der Schiffspatron

Erbe schenkt er uns als Lohn

ohne Arbeit, Müh und Fron

 

was fällt ab an Futter

beim Welterbekutter

 

ankerlos treibt er umher

sind dann seine Netze leer

 

ach die ganzen Fisch

tanzen auf dem Tisch

 

plötzlich ist das Wasser

gar kein Wasser mehr

 

und die armen Fisch

tanzen auf dem Tisch

 

schnappen

zappeln

nach dem Erbe

nur noch

 

 
 

 

 

 

Blind

beerbt sich hier das Tal

trotz der vielen Sichten

sommertags steht still die Zeit

mittags in der Hitze

provencalisch fast

auf den Höhen Luftzug ist

unten tuckern Schiffe

und du schließt die Augen

wie die Eidechs

auf dem Schiefer

alte Göttin hier

schon vor der Zeit

 

 
 

 

 

 

 

Früh beleckt, antikes Erbe hier

nicht nur Gladiatoren

sondern Sinne auch und auch Geschmack

herrlich Glas ganz durchsichtbar

und zerbrochen Diatret

 

 

Götter kamen aus dem fernen Osten

Mithridates, Isis, Jesus auch

 

 

römisch Marmor glatt und hell

nicht so grau wie Schiefer

 

 

griechisch Feuer   tiefer Atem

und auch heute aphroditisch nackt

deine Haut mir, schau nicht hin

fühle nun das Erbe ganz

 

 als wir zimmerten noch Hütten

dumpf und nass roch das Gebälk

wenn der Regen über Stroh hinfloß

 

bauten sie in Stein

war gebrannt aus Lehm und Ton

Ziegel nannten sie solch tegula

 

wohnten sie in künstlich Fels

Höhlen selbst gemacht aus Stein

 

hatten Leder an und viel Textil

schwarze Haare glatt geschnitten

 

schauten uns wie Götter an

unsre Kraft war wildes Vieh

Schweiß und rote, blonde Haare

 

gingen nackt nur in die Thermen

weiß bekittelt mit Sandalen

wuschen sich wie nie

aßen Trauben,  tranken Wein

 

gingen dann wie Ameisen daher

Reihen, Schilder und Fanfaren

 

unsre Hunde bellten wild

unsre Frauen hätten uns verlacht

 

wenn wir so stolziert placiert dahergeschritten

so gedrillt Adler bleiern aufgesetzt

Vogelköpfe ganz im Nacken

 

 

später dann die Blechlawinen

unsre Ritter hatten selber dann

ein Reich römisch auch genannt

und die Pfaffen nicht mehr so wie heut

lateinisch Buchstab konnten lesen und gar schreiben

 

unser wilder Haufen wurde dann Nation

in der Völkerwanderung

hätten wir es fast verpaßt

nur die Frankenkrone und die Religion

halfen uns,  daß wir nun

mehrere Reiche hinter uns dann schon

 

heute ist uns alles Erbe

hat der Erbfeind auch gewechselt

oder gibt es sowas gar nicht mehr

hie Welf hie Stauf hie Konfession

alles ging dahin und auch daher

 

zahlten aber Zoll noch vorher kräftig

wir verdienten an dem Wasser in dem Rhein

mehr als jemals nur am Wein

alles mußte  hier hindurch

Turnosen und Tribute

prägten den Gewinn in Münzen fein

 

als die Felsenwasserstraße hier des Rheins

brachte nichts mehr ein

fuhren über Land nun Waren

unsre Zollburg gar Ruine

kam rechtzeitig die Romantik angereist

rettend uns aus aller Not

und aus aller Welt

lotste sie Touristen her

 

setzte auf den kalten Stein

eine nackte Frau mit goldnen Haaren

und die kämmte immerzu

Locken sich um zu verlocken

 

und die fremden Groschen gingen unter

fielen tief in unsre Kassen

und wir lernten immer schneller

nur zu werben und zu zocken

 

jetzt ist wieder Stille angesagt

sanft Tourismus und auch zu

verschonen Fledermaus und Wichtelbär

 

 und wir wickeln alle Fisch

in Prospekte Glanzpapier

 

daß da nur kein Kratzer sei

in dem Erbeeinerlei

 

alles ist nur Zellophan

niemand reißt mehr auf die Stille

 

daß in allem Schein und Glanz

tanzt ein freier Wille ganz

 

Herwegh ruft uns zu :

 

" Der Freiheit eine Gasse

in der Welterbetasse "

 

Bischof Hatto mahnt dazu :

 

"Wie die Mäus gefangen

unter einer Käseglock

alles wittert nur den Speck

doch kommt nicht vom Fleck "

 

 

über dieses Land gestülpt

Reiche, Toteninseln und Fanfaren

Utopisten, Revolutionäre hingeschritten

und die alten gestrigen dann auch

falscher Sagen gibt's kein Mangel

 

wenn ein Erbe uns dann ist Kultur

daß wir selber mitbestimmen unsre Spur

 

 

 

 

 

 

Dies ist doch das Land

wo viele junge tun verbittern

weil sie ohne Arbeit sind

glauben nicht mehr an die Politik

glauben nicht mehr an nur irgendwas

ganz ergeben dann was nur

süchtig macht, erlahmt, verschlittert

 

nicht weil taube Ohren sind

weil man satt hat das Gedusel

das den Wein und das lebend'ge Wort

beliebig wässert hin zum Fusel

 

unter allem Maskenschein

keine Bindung mehr

Wagnis hin zum Leben

offen ganz Gesicht zu sein

 

doch der Rhein hat eine Stimme

 

Strom er ganz

wird nie er zum Kanal

 

findet was er sucht das Meer

auch durch Felsen, Engen ganz hindurch

 

strömt er frei daher

seine Wellen an dem Ufer

 

flüstern ungefesselt leis

Ufer bist du selbst, komm an

 

auch wenn du im Abseits stehst

ohne Arbeit, Sinn ist da

 

nicht die Zeitung ist das Leben

nicht die Briefmark noch das Formular

 

nicht der Titel noch der Schulabschluß

keine krummen Türme nur von Pisa

 

Leben ist was du draus machst

wenn in dir nur Atem pocht

 

Feuer ist der Strom und zäh Geduld

Felsen so er auch bezwang

 

auch wenn keine Inseln sind

manchmal ist nur Treibholz, Sand

 

 Strandgut kommt aus einer Ferne

die wir alle kennen nicht

 

laß dich schwemmen nicht hinweg

schwimm und geh nicht unter

ruder kräftig mit dem Arm

 

doch wenn zugefroren alles

wie einst hier die Schollen türmten sich

 

klirrend ganz wie Glas sprengt es hinweg

oder taut ganz auf allmählich

 

bricht das Eis uns in der Seele

nur von innen kommt was außen wandelt

 

alles uns dann neue Sicht

spiegelt sich im Aug des andern

 

Perspektiven brauchen Wechsel

Menschen, Ohren und Gespräche

 

wo Verstummung, kapselt

isoliert und igelt alles nur sich ein

 

unsre Zukunft ist

Vermummung nicht

 

offen schreiten wir zum Strom

sitzt ein alter Mann noch

heißt George

 

Wächter noch im totgesagten Park

der jetzt Gartenschau nur ist

 

hält in seiner Hand die Fackel

die noch nicht erloschen ist

 

 

 

 

 

 

 

Ach sie haben kein Konzept für Kunst

dabei ist das doch ganz einfach

Kunst ist das was sie nicht wollen

was noch einfach widerspricht

 

 

* * * * *

 

War mal einst noch Lesung

Dichter hier vergessen ganz am Strom

heute sieht man die Plakate schon nicht mehr

tausend Fliegen kleben an der Klatsche

die den Wind nur fächert und nicht bricht

 
 

 

 

 

Das das ist das schönste Erbe :

Komm wir machen Erben uns

 

öffnet sich uns ganz die Welt

aller Moder, Staub zerfällt

 

keiner fragt mehr nach Kultur

leg schnell weg dabei die Uhr

 

 
 

 

 

 

 

Der Welterbedichter

ist ein Trichter

vollgestopft

mit Parolen und Konfetti

Zombie er

von dem

was ganz gestorben ist

neigt er sich

vor Politik und auch Vereinen

wie denn meinen

welch Kostüm ist heut der Hut

aufgetragen wieviel Lack

für den Publikumsgeschmack

 

ach aus der Klamottenkiste

alles gab es hier am Rhein

Huren, Kaiser, Nixen, Diebe

alles ging hier aus und ein

heut wo alles eingegangen ist

ist uns ausgegangen ganz der Sinn

alles ist Theater nur

Bühne und Romantik

Ritterspiele und Spectacel

Dagobert und Mickey Maus

kulinarisch immerzu

Feuerwerk gibt's auch dazu

 

immer nur Ruinen hell erleuchet

und saniert

fehlt uns ganz der Atem

eines Jetzt -  sind wir

immer nur Statistik

Kassenbon und

Übernachtungszahl

 

ach am Ende

ist das Tal ganz unten

und die Welt

hat sich versteckt

und wir warten

auf die Gäste

fallen von den Bäumen

wie die Zeck

 

 
 

 

 

 

 

Räbelein

bist mir durch die Seel geschwommen

flög ich auch zu dir

all mein schwarzes Meer

könnt ich dich nicht finden

käme selbst dann in der Brandung um

schlüg ich auf die Wellen

 

so muß ich dir nahe sein

ohne dich zu finden

weiß nur daß du ganz in mir

Flügelschlag und Flug schon bist

 

wo wir uns verirren tun

jeder kann nur fliegen seinen Flug

ach wie gerne streiften

unsre Flügel sich

doch die schwarzen Wolken

trennen uns und die schwarzen Meere auch

 

pochen fühl ich stets dein Herz

selbst im Steinschlag flatterst du

das was wir uns schenken

sag es nicht denn es ist zart

daß selbst ein Wort es schon zerbricht

 

Räbelein

unsre Stärke nehmen wir aus dem

großen Topf der Stille, unser Flug

ist jene Spannung zwischen Leere, Nichts und

völlig hier, schattenlos da fliegen wir

manchmal durch die Dornen ohne zu

verbluten nur mit Schwingen federleicht

 

Räbelein

ach wir wissen wie die Krallen sind

krall mich fest und ich auch dich

doch wir lösen alle Fesseln weil

verwaist wir immer Suche sind

 

es ist das Schicksal uns der Raben

über fremde Feuer flattern ihre Leiber

ihre schwarzen Schatten huschen

hin über Asche, Nacht und Tag

 

im Flügelschlag der Stille

zuckt vor dem großen Schrei

wie Glas entzwei

ein Herz so fremd

 

 

 

 

 

Sag mir -  ich komme vom Rhein -

wie soll ich Liebe denn benennen :

 

Es klebt die Erde am Fels

die Traube an der Rebe

die Rebe am Stock

der Himmel ganz an dir

 

 

 

 

 

 

Was für Menschen wohnen hier

ob groß ob klein

Wildchen der die Falken liebt

und der Jäger der die Schnepfen schießt

kommen bald die

andern grünen Herren

Falkenjagd bald auch verboten ist

Leben in dem Reservat

gut geschützt und immer besser

ach wie schön sind Indianerspiele

dürfen nur nicht rupfen mehr die Federn

von dem Habicht und den Vögeln

schießen nicht mit Pfeil und Bogen

denn die Spannung eines Bogens

könnte ganz erschüttern hier das Tal

ungeschützt die Seele nur

eingezoot im Wildgehege

sucht der Wolf sich freie Bahn

täglich streift er vor den Zäunen

nur im Kreis

lacht der Mond noch

unter seinen Zähnen

und er beißt

in die Leere ganz der Luft

 

 
 

 

 

 

Efeu rankt sich um den Fels

rankt sich über Gräbern hin

feucht und grün

nasser Lorbeer nur der Erde

doch geschlungen um das Haupt des Bacchus

tanzt er feurig glühend Sonne sich

 

 
 

 

 

 

 

Hatte glühend Bilder

und Visionen Hildegard

sah den Willen Gottes

in den Pflanzen hier

und in Hieroglyphen

öffnet sie antike Rätsel

selber sich voll Schmerz Sibylle

in der Stille ganz Prophetin

in Gesang und in Gebet

streifte sie der Cherubine

feurig zarte Flügel

ach wie schrieb ich

einst vor Jahren

als nur Äbte, Katzen lasen

und noch nicht der Rummel war

Atem Gottes war sie

hier am Rhein

 

 
 

 

 

 

 

 

In das Haus des Dionysos zieh ich ein

auf einer Insel klippenumrundet

griechisches Feuer flammt am Stein

Efeu überzieht nackte Wände

Wind fegt durch die offene Tür

wilde Bienen hausen im alten Gemäuer

Eidechsen huschen durch Dornen davor

ein Fenster ist auf, durch das

der Mond schenkt seinen bleichen Schein

da bin ich allein mit dir

schwarze Schwester der Dohlen

und wir trinken den Wein

aus schmerzgebrannten Bechern

aus der Unterwelt kommt ein Kassiber herauf

Orpheus grüßt uns, er hat es geschafft

Eurydike hat ihn angesehen

und geflochten sein Haar in die Nacht der Toten

 

Blitze zucken auf

aus den Bechern heraus

fließt der Wein

 

unsere Augen verschwimmen

ineinander ganz

 

Sterne funkeln darin

durchbrechen die Körper, die Schatten

 

eine Sonne gebärt sich

 

über den Fels rollen verwunschene Steine

zischen die grünen Schlangen hinweg

 

 

 

 

 

 

Kultur ist nicht

das was du liest

ist was aus der Haut

dir sprießt

was du selber bist

dein Fühlen, Tasten

was ins Aug dir tritt

wenn du öffnest dich

Licht fällt ein

Ahnung

heil und ganz zu sein

 

 

* * * * *

 

 

Lesen ist nur Suchen

unumgänglich

 

Findung ist

das alles zu vergessen

 

so erwacht

der toten Buchstab Sinn

 

das was du gelesen hast

ist abwesend und doch da

 

es kommt hinzu

 

ganz ungeplant

ungezwungen Leere

 

dies das wußten stets die Fischer hier

alle Netze sind nur blind

 

Zu-fall ist der Fang ganz aus der Tiefe

 

 

 

 

 

 

 

Unnergaß das war Kultur

Delle Marie wusch die Haare

heiße Brötchen durch die enge Gaß

Quetschekuchen, Weihnachtsplätzchen

alles dampfte auf dem Blech

 

 

Klickerspielen im Gewäckelten

zwischen groben Pflastersteinen

Gras und Erde, Riesentäler

 

 

und im Kranenturm

wie eine fremde Welt

wurd gefeiert und gezecht

 

 

vor den Kellern hielten Bütten

ganz voll Trauben warten sie

ehe da gekeltert griff man zu

 

 

ebenso da hackte man

mit spitzen Steinen oder rost'gen Nägeln

Kratzer sich und Stücke

hinweg von den Stangen ganz aus Eis

die mit Pferden angefahren kamen

 

 

Wolken sah man schmal den Himmel

Sonne fiel nicht ganz in die enge Gaß

die gewölbt sich buckelt hoch

eh sie zu den Toren jeweils hinfällt flach

 

 

kam einer dahergeschritten

hörte man das auf dem Pflaster gut

Kinder kreischtem, Alte feilschten

alle tratschten, Neuigkeiten waren stets schon alt

Ehepaare schrien, keiften, stritten sich

 

 

und dazwischen ganz geschäftig noch

das Scheppern, Klappern und das Hämmern

Sägen, Flaschenklirren

 

 

 

hörte singen auch dann noch ein Lied

eine alte Frauenstimme sang's

irgendwas von der Madonna,  die sich

soll erbarm über all die Menschen hier

in den engen Gassen, wo die

Schiffer und die alte SPD noch war

 

 

ach was war dagegen

die Oberstraße flau und matt

geteert nur flach

abgesetzt ein Bürgersteig

geschäftig immer nur ein müdes Treiben

glatt und ohne anzuhalten

jeder aufgesetzt ne feine Miene

für Touristen die nur hier

keiner sah zum Fenster raus

unrasiert mit wilden Haaren und zersaust

 

 

nur erschrak man in der Unnergaß

stets hielt ich den Atem an

wenn zum Schlachten wurden getrieben

die Schweine in ein enges Seitengäßchen rein

und sie rochen dann den Tod

und sie quieckten, quiekten

jämmerlich ganz schrill und laut

all die feinen Schnitzel

 

 

und der Metzger

auch bald weg

heiße Fleischwurst dann

geschweißt in Plastik

 

 

und der Geruch von Fisch

bei Reuters Anna

Schellfisch mit der

Soße ganz aus Senf

 

 

und die alte Kilsbach

Obst, Gemüse, frische Erdbeer'n

schreibt mit Kreide

nicht mehr auf die Tafel

Rechnung und die Preise

 

 

und der Milchladen an der Eck

schöner noch als Rüdesheim je war

in die Becher goß sich Milch

schoppenweise aus den Kannen

und dem großen Eimer auch

 

gläsern in der Kanne

wurde Bier noch auch geholt

 

Wasser in den Eimern

aus den alten Brunnen noch

wenn die Leitung war versiegt

 

 

 

Hochwasser fand hier

zuerst dann statt

 

 

in den Toren, Türmen

stand es hoch

 

 

denn der Rhein er weiß

welche Gaß er liebt

 

 

nie wird sein

auch nicht bei allem Erbe

mag es dann auch noch soviel umfassen

Denkmal, Städte, Täler, Berge

daß da Unnergaß und Obergaß

je da werden eine Welt

 

 
 

 

 

 

 

Ach das Schweigen ist mir nah

in ganz fremden Texten

denn ich hatte keine Sprache nicht

wie soll ich auch nennen

wofür ich heut noch keine Wort

Sprache war mir stets verdächtig

in den Fibeln fuhren sie Roller

in denselben Bildern fast

wo sie eben Fähnchen noch

mit Runen hielten

meine Kinder fingen an modern sogar

mit SS

auf und ab nie paßt ein

Tüpfelchen dann oben drauf

 

 

welche Sprache sprichst du zeigt

welche Welt du bist, welche

Haut ist dir geworden, was

an Atem pocht darin oder

ist glasiert nur Tand

große Reden schwingen

auf die Schulter kloppen ist ganz leicht

die die nicht verrieten hatten eine

Sprache die die nicht verstanden

denen sie ganz nah doch war

 

 

Wahrheit liegt in einer Schale

die oft nicht zu knacken ist

über's Pflaster rollen Wallnüß

noch in ihren grünen Schoten

färbt ganz gelb die Finger

und die zarten weiche weiße Nüß

zieh erst ab die Haut die bitter

wie Kastanien waren sie versteckt

irgendwann da platzen alle Schoten

alles kommt hervor was da

eingeigelt sich zuviel

Worte das sind grüne Stacheln

Igel listig kleine Äuglein

brennend ganz am Feuer eines Raben

 

 
 

 

 

 

 

Tauben flogen durch die enge Gaß

flatterten am Himmel weiß

auf den grauen Dächern

zeugten von der Ferne ganz

wie die Schwalben von dem Süden

 

 

nachts da schien

der Mond hinein

in die enge Kammer

alle Lichter gingen aus

nur sein bleicher Schein

tanzte an den Häuserwänden weiß

 

 

Herr der Gasse

war die Rotte

die nun aus der Rappel

aus den Gullis kamen

 

 
 

 

 

 

 

Alles fuhr und zog hier nur vorbei

Züge ratterten, Schiffe dröhnten

Autos hupten, Wolken zogen

Flugzeuge zerrissen

im Überschall den Himmel auf

 

und blieb doch alles stehen hier

unberührt von allem

 

die Fremde zog vorbei

das war hier immer so

 

 

ob auch das  "Erbe"

solche Fremde ist ?

 

 

 

 

 

 

 

Man hat geköpft

ganz kurz und bündig

den Gottesgnadenstuhl

Kopf ab kurz um

 

 

und Fenster reingemacht

wo vorher Gott noch saß

 

 

nachts siehst du oben auf der Galerie

draußen zwischen lauter Schiefersäulchen

 

 

die Engel durch die engen Gänge wallen

sie suchen diese Kirche auf

 

 

die blinden Augen Gottes

hat man hier versteckt

 

 

 

 

 

 

 

 

Und du hüpftest in den Himmel

wunderbar

ein, zwei, drei kein gemeinsamer Tanz

und der Dom da von Venedig

ging da unter ganz im Wasser

und am leeren Strand von Costinesti

löschten sich die Spuren ganz im Sand

und in dem antiken Theater vor den großen Säulen

an der Küste Libyens nahe Tripolis

spielen Schatten nun den Totentanz

und du hüpftest in den Himmel

wunderbar

und die Seine weinte

Notre Dame zog sich den Trauerflor

über Engel, Kapitele und Portal

und du hüpftest in den Himmel

wunder-bar

und du hüpftest in den Himmel

flügellos

und du fielst ganz tief

niemand fing dich auf

Engel waren nicht zur Stell

eins, zwei, drei kein gemeinsamer Schrei

oder fielst du stumm

wortlos stürzt du dich

oder schriest du auf

unsre Erde fängt nicht auf

was sich stürzt hinab zu ihr

Studentin der Germanistik Tänzerin hier

Träne im Aug der Madonna

leicht wie der Distel Samen

allzu früh zersaust im Wind

 

 
 

 

 

 

 

Die Gewitter gingen eh sie kamen

und manchmal blieben sie

zurückgeprallt vom hohen Soonwald

waren sie plötzlich wieder da

und schwarz der Himmel

zuckten Blitze überm Tal

auf den Höhen pfiff der Wind

und Wassermassen strömten

von den steilen Bergen

und manchmal Schlamm

und Weinberg noch dazu

die Türme und die Burg

Ruine und Kapelle

die Blitze zuckten

ganz gespenstisch sie

und waren meistens nachts

das Licht ging aus

die Kerze stand bereit

und auf den Schieferdächern

wusch der Regen

den Staub vom heißen Sommertag

die Gullis stauten, überfüllten sich

und an den Häuserwänden

klatschte naß es stark

doch war dies alles nichts

es war als ob die Luft zerriß

der Atem stockte

als ob für immer ausgesetzt

eh dann der Blitz

die Spannung brach

und in den Felsen krachte Donner

im Echo dröhnend stärker sich ins Tal

als je auf flachgestreckten Höhen

 

 
 

 

 

 

 

Und zuckt die Nacht

auch schwarz hier auf

mit Hagel, Donner

Blitz und Regen

am hellen Tag

der Goldlack lacht

an alten Schieferwänden

kriecht er hoch empor

wächst in den Fugen, Ritzen

am Kühlberg hier

am alten Turm

wo wilde Bienen schwirren

blüht leuchtend golden

feurig gelb er

in seinem Duft

da atmet ganz

die Sonne und der Sommer sich

 

 
 

 

 

 

 

Hat die Kultur hier auch

ein Vermächtnis ?

bei aller Stauferei

Wernerkult und Knabenliebe

in all der Enge hier

bei Gezeter und Geschrei

Rangel-und auch Rauferei

bei Öde auch und auch Provinz

Touristemstrom und Sommerhitze

Kassenbon und Werbetrommelei

Saufen, Schlürfen oder Nippen

Schiffe tuckern da vorbei

Züge rollen

auf den Gassen

fallen Groschen auf das Pflaster

hüllt die Romantik alles ein

in Ritter, Raub und Loreley

in Mondschein und in Dämmerschoppen

Denkmal, Qual und Tal

verhunzt und auch besudelt

steril auch eingefroren

wortlos ganz erstarrt

das was verloren geht

das hat die Gegend hier zu sagen

die Liebe ganz des Rheins

bei all dem was sich alles

hochgestachelt nur gezüchtet

 

Kinderseelen nicht zu treten

 

Das ist das Vermächtnis

hier des Rheins.

 

Das ist das Erbe.

 

 

 

 

                              

 

           

                                für Rolf    * 13.6.1937

 

 

 

Dort liegt sie im Schlaf

die versunkene Stadt

Nebel ümhüllt ihre Dächer

Türme schauen noch raus

rabenbesetzt

dort liegt sie im Schlaf

die versunkene Stadt

die Weiße zieht sich immer dichter

über Mauern, Gassen hin

ein alter Fährmann

stakt noch schwarz im Nebel

und ruft  " Hol über "

wie aus einer andern Welt

und schlägt dreimal

eine Eisen gegen einen Pfosten

so daß es klingt ganz hohl und leer

da kommt ein Nachen dann daher

der Tod mit schwarzem Kahn

hält an dem Ufer an

und in den Gärten schweigt es

wie auch in der Stadt

da tönt die Totenglocke dumpf

ganz monoton in einem Takt

der schwer und langsam

unbeirrt und unerbittlich

als ob da stumpfe Schritte

auf dem leeren Pflaster hallen

wie schwere Regentropfen auf dem Dach

und von den Bergen schreit

ein Käuzchen dreimal klagend

dort liegt sie im Schlaf

die versunkene Stadt

Nebel umhüllt ihre Dächer

und du hörst keinen Laut

ein Schweigen umhüllt sie

ein Hören ganz kurz

in die unfaßbare Stille

nachdem der letzte Schlag

der Totenglocke war verklungen

und für immer war verhallt

der Atem eines ganzen Lebens

 

 
 

 

 

 

 

Und die Schneck im Weinberg

die da trägt ihr Haus

täglich mit sich rum

nass und träge

glitscht sie über all

den flachen Schiefer

unbeweglich fast

müde und ganz lahm

streckt sie ihre Fühler aus :

 

Ist heut wieder wer

wer kommt

sagt daß wir

ganz Erbe sind

oder ist es

wieder so

wie es sonst auch ist

 
 

 

 

 

 

 

Es ist das Tal des Blinden

er hat ganz das Erbe

das so nicht sichtbar ist

fühlt die Sonne ganz

den heißen Schiefer

und die trockne Luft

abends frischt da auf

kühl der Wisperwind

riecht den Rhein

kurz vor dem Regen

die Veilchen

die alte Linde und

den Maienduft

hört all die Stimmen

im Geklapper und Gezänk

hört das Schweigen

auf den Mauern ruhen

hört die Schiffe tuckern

und er weiß

welches Schiff da fuhr

seine Schritte kennen

jeden Pfad hier an dem Strom

jeden Stein wo er könnt stolpern

und mit weißem Stock

und gelber Binde

dreifach schwarzgepunktet

mit der Schiffermütze

auf dem Kopf

durch die Kriege

und die Nachkriegszeit

Freiheit marschiert

im Geiste mit

Knippes nimm ihn an den Arm

und Schritt für Schritt

lern sehen so wie er

 

 
 

 

 

 

 

Eine Liebe groß und schwer

sagt der Rhein

ich trage sie

durch die Felsen hindurch

vom Gebirge bis zum Meer

strömt sie

an wieviel Klippen vorbei

sie geht nicht unter

in keinem Strudel und Sog

eine Liebe groß und schwer

sagt der Rhein

gespeist von den Nebenflüssen

gespeist von denen die sich

stürzten in mich

für immer

aus dem Leben heraus

in die Tiefe

weil ihnen

alles gefror

zwei Kammern

hat ein Herz ja nur

eine Liebe groß und schwer

sagt der Rhein

ich trage sie

durch die Felsen hindurch

strömt sie

an wieviel Klippen vorbei

in das Meer des Vergessens

strömt, stürzt sie hinweg

ohne Ankunft und Ufer

 

 
 

 

 

 

 

In den Blüten des Weißdorns

der Frühling am Rhein

die Hänge hinab

wo alles wuchert

noch wild

Weinberge zugeheckt

traubenlos schon längst

die Blindschleiche

erobert sich wieder

ihr Terrain

 

 
 

 

 

 

Die Stunde des Rheins

 

 

 

 

 

Klippen, Haar und Fels

 

 

Nachen die untergehen

 

 

Bilder die alle

verschwimmen

 

 

nichts fängt

die Tiefe mehr auf

 

 

an den Ufern gaukeln

 

 

über Marketing- Konzepte

Spinnwebnetze

 

 

ankerlos

 

 
 

 

 

 

Der blinde Schütz von Sooneck

 

 

 

Sie holten ihn

aus dem Verlies

aus tiefer feuchter Grube

wo er nur rund lief

angekettet noch

kalt der Fels

nur etwas Erde aufgestampft

und faules Stroh

der Himmel nicht zu sehen

in diesem innern tiefen Schacht

des hohen fensterlosen runden Turms

sie holten ihn

aus dem Verlies

den blinden Alten

weißbärtig, grau verfilzt

sein langes ungeschornes Haar

verfetzt in Lumpen was bedeckt

die abgemagert knöcherne Gestalt

so humpelt er dahin

Gespenst geworden er

der er Mensch mal war

geblendet weil er einst

zu sehr geliebt

die Frau,  die Schönheit,  Minne

die sie selber so begehrten doch

die Augen ausgestochen

leer und nur mit Hanf gefüllt

die Augen dieses Meisterschützen

sie holten ihn

zum Höhepunkt des Fests

zum Hohn, zum Spott

zur Lachparade

die sie zwanghaft

nur noch amüsieren können sich

um Mitternacht

ergötzten sie sich

im vollen Suff, im Rausch

die allzu blenden

an den stumpfen Augenhöhlen

ohne Glanz, ohn jegliche Pupille

sie haben ausgetilgt

was nicht mehr trifft

und waren sich sicher

hatten doch obsiegt

die Macht auf ihrer Seite

doch reicht der Sieg nicht immer

hält nicht an

ach allzu schnell vergeht

der Siegestaumel

so spielt die Katze mit der Maus

genüßlich langsam

läßt sie wieder los

und laufen frei

sie stellten ihm

den goldnen Becher hin

als Lohn nicht, nein,

als Hohn, als Ziel

der Alte nahm

ganz langsam

die Armbrust in die Hand

die Hand sie legte sicher

den Bolzen und die Schmach

sie spannte weit

sie lachten gellend auf

wie er blind doch war

der Becher auf der Truhe

blieb ruhig ganz stille stehen

in den Sekunden ganz aus blinder Tiefe

und es erstarb

für immer

das Lachen

in der Kehle dessen

der am meisten geblendet und gelästert laut

aufschallend lachte

der blinde Pfeil

er traf genau sein Ziel

 
 

 

 

 

 

 

Die Frau des Schiffers

 

 

 

 

Und immer war er weg

und kam dann wieder

zu Schiff war er dahin

und sie in diesem kleinen Nest

von der alten Mauer hoch

wo sie wohnten

wie alle hiesig Schiffigen

hielt Ausschau wann das Schiff

dann kam vorbei

Anker warf

und Anker werfen konnte er

ganz tief

das Schiff das steuert er

und sie sie steuert ihn

 

 

 

* * * * *

 

 

Von meinem Urgroßvater wird leider berichtet, daß wenn das Schiff, das er steuerte, sich näherte, seine Frau auf der Stadtmauer schnell das Essen für ihn hinstellte, die Kinder schnappte und zur Burg hin flüchtete.

 

 

 

 
 

 

 

 

Kunst bewegt nicht nur zur Toleranz

sondern manchmal auch die Diebe ….

 

 

 

Der alte Hansenbecher

er liegt nun irgendwo

auf fremden Grund

in einem fremden Fluß

die Fische nippen all an ihm

und trinken Brüderschaft

sie setzen sich die Krönchen auf

und spielen Burg und Ritter

allein die Wassertaufe geht nun schlecht

wo alles Wasser ist

fehlt auch der Wein

zum Hansenmeister wählen sie

den dicksten Barsch

und silbern hell

so wie der Becher schimmert

im schönsten Schuppenkleid

die Fischfräulein die Nixen

sie loreleyen um den Becher rum

die Reiter auf dem Becher drei

sie reiten immer schneller

wenn sie die Nixen sehen

und alles dreht sich schnell im Kreise

und singt, palavert, scherzt und tanzt

 

 

 

im Strudel, Sog

was log und auch betrog

was klemmte, stahl und raubte

der Becher glänzt noch immer

und schüttelt allen Schwindel

von sich hinweg nur flüchtig Staub

in seinem Innern ist ein Schimmer

den niemand rauben kann

der nicht aus Stahl, aus Blech

aus Kupfer, Silber oder Gold

der aus der Gastfreundschaft getrieben ist

ein unvergänglich haltbar Band

 

 

 

die Diebesbeute

mit neuen Adel

krönt sie ihre Meute

und jeder Fisch

zecht nun ganz frei

auf ihr Hansen

seid dabei

 

 

 

was tief gefallen auf den Grund

geworfen in den Schlund

die Hehlersware

ist erwacht

das ist des Schicksals Wende

und gründet tief im Schlick

am Ende

eine neue Kommende

 

 

Zum gestohlenen Becher

so nennen die Fischlein sie

Zum gestohlenen Becher

auf dem Kanal- und Rhônegrund

 

 

der letzte Mensch der aus dem Becher trank

der arme Dieb das arme Kind

er trank zum Trost aus ihm

und nippte Leid

das Herz gar blutet ihm

so sagt er wirklich

als Mama ganz zerfetzte

des Lucas Cranach altes Bild

Sibylle von Cleve

ihr Antlitz für immer dahin

 

 

 

wegen guter Führung

frühzeitig dann entlassen schon

schreibt er nun Bücher

der arme Wicht

das Internet preist ihn stets an

auf Lesereisen muß er nun

viel schlimmer als die alte Kellnerei

 

 

 

und selbst bei Bertelsmann erscheint sein Buch

dem Club der guten Sitten

es ist nicht Toleranz

es haßt der Bürger

insgeheim die Kunst

und freut sich

wenn da zerfetzt, zerhackt, geklaut

was allzu schön doch war

 

 

 

und unser armer Dieb

der letzte Trinker aus dem Becher

als Sicherheitsexperte für Museen

sucht er nun neuen Job

denn Zeugnisse dafür

die braucht er wahrlich nicht

 

 

Merkur der Gott der Händler, Spitzbuben und der Diebe

hat heimlich ihn ganz flink und schwarz gehanst

sein Name kunstvoll nun eingeschrieben ist

im Matrikelbuch der großen Diebe

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen uns

ist eine Fremdheit

die uns ganz

die Nähe schenkt

 

 

es ist als ob

die Nacht da spürt

das Dunkel eines

ander'n Sterns

 

 

es ist als ob

das Licht sich wendet

hin zu hell'rem Glanz

 

 

zwischen uns

ist eine Fremdheit

die uns ganz

die Nähe schenkt

 

 

es ist als ob

das Gras da zittert

wenn der Wind

die Halme fächert

über Wiesen, Felder streift

 

 

es ist als ob

der Stein da fühlt

die Feuerglut der Schlange

die sich aufbäumt oder ringt

 

 

es ist als ob der Adler

mit den Schwingen

die Gipfel einsam

mitträgt auf den Flügeln

 

 

zwischen uns

ist eine Fremdheit

die uns ganz

die Nähe schenkt

 

 

es ist als ob

der Schiefer

wenn er spaltet sich

zerfällt zu neuem Sein

 

 

es ist als ob

der Strom

durch Felsen bricht

in Wellen sanfter Glätte

 

 

es ist als ob

wir Ufer wär'n

von einem andern Strom

der unser Leben

ganz durchbricht

 

 

in uns

ist eine Fremdheit

die uns ganz

die Nähe schenkt

die aus der Stille wächst

die aus der Weite wächst

die alle Enge sprengt

und bettet sich

tief unter'm Flügel eines Raben

der getroffen wurde

vom Pfeil des blinden Knaben

 

 
 

 

 

 

Ich lebe noch

sagt die Angel

wenn sie

plötzlich wieder da

die vorher ruhig

fast abwesend gewesen

nach oben

wirft die Schnur

ich lebe noch

wenn an dem Haken

hängt ein Fisch

und zappelt, zappelt, zappelt

 

 
 

 

 

 

In Ruinen

blüht unsere Liebe

am schönsten

 

 

in Fertighäusern

such ich immer den Ausgang

und finde ihn nicht

 

 

 

 

 

Deine Liebe

ist ein Seil

das nie zerreißt

 

 

denn

du läßt es

einfach los

 

 

 

 

 

Die Toleranz der Ufer

 

 

 

 

Die Vögel fliegen drüber weg.

 

Die Schiffe fahren vorbei.

 

Brückenlos der Rhein hier ist.

 

Wir, wir sind die richtige Seit.

 

die Schönheit unsrer Kapellen, Burgen und Kirchen

 

die andre ist die Schepp Seit

 

nach Osten die Altäre

 

das kann die Schepp Seit nicht

 

die Römer kamen nur zu uns

 

doch von er Schepp Seit aus

 

da sieht man uns so gut

 

wir können selber

 

nie sehen uns so schön

 

wie von der Schepp Seit nur

 

 
 

 

 

 

 

Sieh diesen Berg

am andern Ufer

namenlos

der Berg

am andern Ufer

wo einst die Galgen

drauf gestanden

Pyramide

die den Himmel lotet

es ist als ob er Form nur

ohne Nutzung

Gott selbst

hat ihn gebaut

wie er zur Spitze hin

massiv sich streckt

ganz gerade fast

und unbeweglich fest

ankert er im Strom der Zeit

Rehe nur

durchspringen sein Gebüsch

er zeigt den Stand der Sterne an

der Mond schlingt um ihn

seine Taue

wenn der die Stadt bescheint

 

 
 

 

 

 

 

 

Von diesem großen runden Turm

blieb nichts als nur ein Stumpf

drei runde Türme beschirmten einst die Stadt

die Stadt sie war ein Dreieck nur

ein Häuserdächer-Schiefernetz

aufgespannt an mächtigen Säulen drei

Zoll-Diebesturm wie auch der Bergfried von der Burg

begrüßten Feinde wie auch Gäste

gesprengt verlor sich all das Rund

in dem die Stadt geborgen war

und kantig, eckig, gar gespenstisch

erschien nun düsterer das Bild

die Stadt, die nur noch Türme kantig, eckig hat

sie hat am Rhein noch einen runden Stumpf

und Autos, Züge rasen eng an ihm vorbei

an seinen Wänden klebt ein Gartenhäuschen noch

und Blumen wachsen wo einst tiefes Dunkel war

ummauert dick und fest die armen Hexen, Diebe

 

 
 

 

 

 

 

Eine Stadt mit runden Türmen

ist harmonisch ausgeglichen

niemand eckt hier an

Kinder laufen gern im Kreis

und die Ecken lieben Hunde

 

 

 

 

 

 

Und sie bauten sich

einen Himmel

unterm Dach

des alten Turms

malten sie die Decke

das Gewölbe ganz

himmelblau

mit goldnen Sternen

Tag und Nacht so

wurde eins

und sie tanzten, tranken

sangen unter einem Himmel

den sie selber sich gemacht

 

 

 

 

 

 

 

Und es blühte eine Rose

war ein klein Hotel

wohnten drin zwei alte Frauen

und ein Gästeehepaar

das geflohen vor dem Krieg

aus den großen Städten

doch umsonst, niemand

hemmt des blinden Schicksals Lauf

Ende Februar 45

am Geburtstag meiner Mutter

die gefeiert nebenan

fiel die Bombe auf das Haus

löschte Leben aus

später spielten Kinder wir

auf dem freien Platz

Klicker fielen nicht mehr Bomben

in die gut gezielten Löcher

 

 

 

 

 

 

 

Und mir träumte

die Stadt sie sei Venedig

hinterm Alten Haus Rialto-Brücke

St. Peter ein St. Marco

und gotisch fein geziert

die neue Kapelle ein Dogenpalast

die Gassen alle nur Kanäle

so wie bei Hochwasser

und Fische, Ratten auch darin

und Winand selbst der schwarze Doge

in seiner Gondel hält er einen bleichen Knaben

und fährt zum Aufgang der Kapelle hin

und alles singt und starrt

streut Veilchen auf den Knaben

die Juden flüchten schnell

da kommen Winzer mit den Trauben

die schenken sie dem Knaben

der mit Winzermesser doch erstochen

und alle haben keine Masken an

nur Winand eine schwarze ganz

Bleikammern die braucht man hier nicht

Schiefer ist auch gut

man erstickt auch so

Casanova sieht den Knaben nicht

er hat ganz anderes im Aug

die Wunder die er sieht

sind von dem Knaben nicht

da taucht sich plötzlich alles ein

in bleiches fahles Licht

die Sichel eines Monds

neigt sich dem Knaben zu

und Winand greift nach ihr

er braucht doch einen Heiligenschein

doch dieser fällt ganz tief

an dem Knaben ganz vorbei

in den Schlick einer Lagune

und schwimmt dahin

die Juden atmen auf

 

 
 

 

 

 

                   für Anna und Sarah zum heutigen Tag 22.6.2007

 

 

 

 

Es gibt ein Dank

den man tief spürt

es gibt ein Lob

das man nur leise spricht

es gibt ein Stolz

ganz zart und schlicht

 

 

es gibt ein Wissen

das geht nicht

durch Lehrer Mund

noch unbefleckt

von Politik Curricula

Utopien sind benotbar nicht

so wenig wie das Leid, die Klage

und auch die Liebe nicht

 

 

und was da zählt

ist oft nicht

was da zählbar ist

 

 

die Blume die da blüht

sie blüht weil sie von

innen blüht so wie sie ist

 

 

das Wort das manchmal trifft

es trifft weil es ein Zufall

Gabe, Blick und Gegenwart ganz ist

nicht weil es aufgelistet

in Wörterbüchern und Glossaren

 

 

 

das was sich schenkt uns

bereichert, öffnet uns

vermehrt die Sinne, das Fühlen

Tasten, Denken kommt nicht

aus einem hölzern Plan

ist Feuer ganz, und lodert, brennt

 

 

Geduld, die glüht und

Zähigkeit, die ausharrt

unvernebelt, unvoreingenommen

 

 

zu hören auch auf das

was nicht nur hochgepriesen

Lob und Anerkennung

zu sehen das Dunkel auch

zu wenden es in Helle

 

 

die Selbstverwirklichung

ist nicht ein Bärenfell

das nur erstickt im eignen

Dunst, in eigner Enge

 

 

das Leben schenkt uns

unvorhergesehen

stets neue Welten

die die alten in uns

mitgebären stets aufs neu

 

 

das was du siehst

kommt nicht von außen nur

es ist dein Blick

das Lernen der Pupille

von vielen Tagen, Jahren und Sekunden

 

 

das ist das Zeugnis der Reife

das fault nur allzuschnell

was reif sein will

was keimt, was brodelt, gärt

ist stets der Schritt zu einem Anfang

 

 

der Schiefer hier er spaltet sich

die Erde an den Hängen

ist voll von kleinen Steinchen

und doch voll Saat auch

grüner Pflanzen

 

 

der Strom hier

hält nie an

er strömt

er fließt hinweg

und ist beständig

doch hier immer da

 

 

das Leben pocht

es will nur Atem finden

und Atem ist

wo du ganz da

 

 

das Gras es küßt die Erde

die Erde küßt das Gras

der Wind er neidet beiden

diese feste Liebe

der Tod er sichelt es hinweg

 

 

doch bleibt was einmal war

und ganz vertraut

für immer Himmel

 

 

Verstand und Herz

sind Blumen

die Rose und der Dorn

die wachsen

auf demselben Stein

 

 

und wenn die Erde

wird zu schwer

dann wachsen Flügel

ganz aus Stille

 

 

dann lacht ein Engel

aus dem dicken Bärenfell

in dem wir fast ersticken

und wirft es weit

weit in den Fluß

 

 

daß wir uns beides

immer sind

Fluß und Ufer

beständig Halt und

doch ein jeder

seine Richtung

 

 

" Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

      Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern,

         Und verstehe die Freiheit,

             Aufzubrechen, wohin er will. "

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Geheimnis der Wernerkapelle

 

 

 

 

Zum ersten Mal enthüllt von einem Poeten.

 

Nur Poeten können sich hineindenken in die alten Baumeister,

 

deren Namen nicht einmal überliefert

 

und die doch noch immer zu uns sprechen durch ihr Werk.

 

Stein und Form und Maß war ihre Sprache.

 

In Stein chiffrierten sie ihr Wissen und ihre Geheimnisse.

 

 

 

Egal ob der Leichnam abhanden,

die Spanier ihn gerettet,

abtransportiert oder geraubt,

 

in der Kapelle bleibt er stets vorhanden.

 

 

 

Die Kapelle ist ein Kalender. Sein Todestag.

 

 

 

Um die Vierung herum, die Vier, den Vierten, den April,

gruppieren sich genau

 

19 Fenster, 19 Flächen.

 

 

Wenn von 17 die Rede ist, so wird übersehen im Westteil das eine noch vorhandene,

das wohl im abgetragenen Teil gegenüber sein Pendant hatte.

 

Um die Vierung herum in Stein gehauen, in Fenstern hochgezogen gruppiert

der 19. April,  der Todestag des Knaben Werner.

 

So baut man Gedächtnis, Grab- und Denkmäler, Wallfahrts- und Reliquienorte.

 

 

Zufall oder genial ?

 

 

Das ist immer die Frage in der Kunst bei Baumeistern wie bei Poeten.

 

 

 

Spekulation aber wäre ob die jeweilige Länge der Vierung um  8,60 so rum

der 87 entspricht, dem Jahr.

 

Bestimmt aber konnten die Baumeister nicht ahnen,

was erst die Absurdität der Geschichte baut und schafft,

das sich die 12 des Jahrhunderts

in den noch jetzt 12 übrig gebliebenen hohen Fenstern spiegelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wernerkapelle und Stadtmauer

 

 

 

 

Ein fast 100 jähriger Zeuge in dem von Winand angestrebten Heiligungs-verfahren sagt aus, daß er geboren sei, als Bacharach noch keine Mauern hatte. Diese gewaltige Anstrengung und Leistung der Türme-  und des Mauerbaus wirft vielleicht auch ein Licht auf die Wernerkapelle. Wo man die Sadt derart repräsentativ und stolz umgürtete, ummantelte, umtürmte, bis zur Burg hin Türme und Mauer über Berge zog und inmitten das Kleinod, dessen hohe Fenster bestimmt bewundert wurden - unvollendet noch. Widerspruch und Ansporn bestimmt endlich nun auch den Bau der Wernerkapelle, erhöht inmitten des Mauerrings gut sichtbar, zu beenden.

 

Bacharach schönste und alte Visitenkarte, der Merianstich von Wenzel Hollar zeigt sie uns dann ausgebaut schon.

 

Die Kapelle wie jede gotische Kirche Sinnbild des himmlichen Jerusalems. Und alle Dämonen abwehrend, indem man ihnen ihr Spiegelbild zeigt, geschützt von kunstvoll mächtigen Wasserspeiern, Chimären.

 

Inmitten des Mauerrings, erhöht auf einem Felsplateau, ein Abbild einer himmlischen Stadt.

 

So wie die Wand aufgelockert ganz durch Fenster, ist der Mauerring aufgelockert durch Türme.

 

Was der Kapelle die Fenster, sind hochaufragend der Stadtmauer die Türme, deren Tore ebenso.

 

5 Fenster jede Konche der dreiblättrigen Kleeblatt-anlage. 5 nach Osten, 5 nach Süden, 5 nach Norden. Die Stadtmauer zum Rhein hin 5 Türme, Zoll-,  Kranen-,Markt-, Münz-, Diebesturm. Fortifikatorisch völlig unzweckmäßig 5 Tore so dicht nebeneinander. Uns warum zum Rhein, wo der Landweg über Brückentor und Zehnttor doch ging. 5 Türme im Norden bis zur Burg. Zehnt-, Spitzen ( alter Posten)-,  Katzen ( jetziger Posten)-,  Steeger-, Liebesturm. 5 Türme im Süden zur Burg hin. Brücken-, Hut-, Sonnen-, Kühlberg-, Halbturm.

 

Die Wernerkapelle, oder kirchenrechtlich korrekter die Kuniberts- und Andreaskapelle ist wahrlich Wahrzeichen und Modell dieser Stadt.

 

Für mich ist kein Zweifel, daß ihr ursprünglicher Plan genau eingehalten wurde. Eine Dreikonchenanlage mit genau der engen Umgebung angepaßtem kleineren Westbau. Eine vierte Konche hätte sie überhaupt  Platz, eingeklemmt total zum Berg hin, kaum sichtbar, wäre auch optisch völlig sinnlos.

 

Manche Kritiker sprechen der Bacharacher Stadtmauer jegliche fortifikatorische Bedeutung ab, was ich nicht für zutreffend halte, sonst hätten die Franzosen die drei mächtigen Rundtürme nicht gesprengt. Und die Schwachstellen zum Rhein hin, zuviel Tore, die Türme waren wohl fensterlos mehr und kaum Platz war außerhalb vor ihnen, da der Rhein viel näher an ihnen war als heute.

 

Aber die Führung der Mauer über die Berge hin war wohl kaum zu verteidigen.

 

Eindeutig überwog bei der Bacharacher Stadtmauer das Gesamtbild und die Repräsentation, wie man ja auch auf Siegeln dies oft stolz ausdrückte.

 

Eine verteidigungsgemäß sinnvollere Stadtmauer wie die in Oberwesel hätte die Peterskirche als Mittelpunkt gehabt und nur die Stadt umfaßt; so schloß man die Burg mit ein und war es eigentlich eine Stadtmauer oder eine erweiterte Burganlage, es war ein stolzer Anblick allen Feinden und Gästen gegenüber.

 

Schon von weit her eine Einheit, in deren Mitte sichtbar erhöht die Wernerkapelle thronte ein noch unvollendetes architektonisches Kunstwerk, das alles übertraf. Von weithin ins Auge stach.

 

Man baut nicht 15 Türme und eine so gewaltige über Berge sich hinziehende Mauer um ein liegengebliebenes Fragment herum, das fertigzustellen wohl gerade jetzt bei der in  und zu Stein gewordenen stolzen Repräsentation der Stadt anstand.

 

Die Wernerkapelle als architektonisches weit hin sichtbares Kunstwerk mit ihren hohen Fenstern und herrlichem Maßwerk dürfte als solches nicht erst seit der Romantik wahrgenommen worden sein, sondern gerade auch in der Blütezeit der Stadt, als diese sich mit Stadtrechten versehen stolz in Türmen schmückte, ja auch später gar in ihrem Anblick einem himmlichen Jerusalem verglichen wurde.

 

Fast eine idealtypische Stadt wie Burg, Türme, Kirche und Kapelle eng an die Berge geschmiegt, eingerahmt von dem alles umfassenden steinernen Band des Stadtmauerrings.

 

Ausdruck und Vollendung einer Bürgergesinnung, die sich nach außen abgrenzte, ihre eigene Identität gewann, ihr eigenes Bild schuf und sichtbar ausdrückte - bis zur Spitze der Burg hin - Stadt zu sein.

 

Stadt, die mit ihrer freieren Ratsverfassung aufzublühen vermochte als lachender Dritter zwischen den zwei sie beherrschenden um sie rivalisierenden Mächte, Kurköln mit seinem Kunibertspatronat und Andreasstift  und Kurpfalz mit Zoll-und Burgverwaltung.

 

Die Stadtmauer umfaßte alles. Inmitten darin und erhöht die Wernerkapelle und so dürfte kein Zufall sein, sondern begründet auch außerhalb zweifelhafter theologischer Heiligenverehrung, daß zur Zeit Winands eine Fertigstellung der unvollendeten meisterlichen Kapelle inmitten des sie umziehenden Stadtmauerrings überfällig war.

 
 

 

 
 

 

Text "Die "heilige" Stadt folgt nach dem 20.8. - phantastisch-zutreffend genau-grotesk          oder Magie von Harmoniegesetzen ?
 

 

 
 

 

 

 

Ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst

durch die Katakomben der Tiefe

wo der Fluß unterirdisch strömt

unter den Füßen der Berge hindurch

in den Grabkammern der Stille

wo der Himmel sich wölbt

aus lehmiger Erde und Schiefer

wo das Laub längst verweht

der Sand aus den Uhren längst

aus allen Gehäusen heraus geschwemmt

wo du die Zifferblätter in der Hand hast

deren Zeiger Eidechsenschatten nur sind

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst wo die

Reliquien der Heiligen kleben wie totes

Gebälk an baufälligen Scheunen

wo das Stroh der Träume abbrennt

augenlos die Finsternis atmet tief und fest

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst wo die

Scherben liegen all der toten Stunden

wo die Kästchen aufbewahrt werden

all die Antworten die nie

eine Frage gefunden

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst wo

Schweißperlen am kalten Felsen

tropft der Sinn unaufhörlich zeitlos dahin

nichts friert mehr wo alles erstarrt

tiefer und tiefer die Kähne

gleiten durch die Gänge der Zeit

wer wird je ankommen

in dieser unterirdischen Stadt

die sich zieht endlos

in die Ufer frühster Zeit

deren Sterne noch nicht erloschen

deren Licht irrt durch all

die Schädel unzersplitterter Knochen

Farn und Weiden barfuß sacht

setz ich den Fuß auf

ich weiß die Kentauren rudern den Tod

diese Riesen und Halbgötter der Flüsse

mit kräftigem Arm ziehen sie

den Willen durch all den Sog

unbeirrt unbetört

leise gleiten die Ruderblätter aus Eschenholz

durch die schwarzen Wellen der Strömung

wir sind nur Momente fliegende Schuppen

auf Ruderblättern die nie wir gesehen

einer Krähe gleich fliegen wir durch

Felsen und Täler flattern dahin

doch in unserem Auge der große Bär

jener siebensternige Wagen am Himmel

zog mit, zog über diese Stadt

hier immer, wir sind angekommen

in der Tiefe der Zeit, ankern in

der Frühe am Hafen, von hier

gehen alle Fahrten aus, hier kommen

alle Fahrten zurück, ich bin

durch die Gänge gegangen wo

du jetzt wohnst Lotse

wo du jetzt schälst aus den

stacheligen grünen Schoten

die Kastanien des Südens

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst Wahrschauer

dessen Behausung für immer zerstört

wo du jetzt siehst ins Uferlose hinab

all die Gänge voll Granaten, Rauch und Kriege

all die Gänge voll Weißdorn und blühender Bäume

ich versuch noch immer zu sprechen mit dir

wo du jetzt wohnst in den Gängen

immer tiefer zu den Vorvätern hinab

atmen die Tiefe die flach über allem liegt

atmen die Stadt die niemand gesehen

durch Tore hindurch die offen

eh sie erbaut

tiefer zu liegen in der Erde

schwerer zu werden als Stein

leichter als Kork

trockener knöchern als Sand

verwurzelter als Gras

das scharf dahingemäht

wo immer auch strandet

das Treibholz wir zogen

es aus dem Fluß hell

am Morgen noch war es

zu naß für die Flammen

den Ring zog man dir aus

doch unter der Fingerkuppe

mehr nimmt man nicht mit

ein blindes und ein sehendes Aug

betrüg Charon nicht

er ist ein Bettler wie du

wir alle sind Bettler

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst

die Katakomben früher Stille

die Kasematten der Kargheit

wir haben das Wissen

zu Lebzeiten schon

weggerotzt wie allzu

lausigen Schimmel und Schleim

wir haben die Anker gelichtet

für jene Tore die jeder

nur alleine befährt

ein Moment nur verschoben

der Tag der Geburt und des Tods

die Uhren sie lügen alle

wir reparieren nur die Starre

auf Grashalmen zu pfeifen

das ist zu singen die Lust

ist es der Tod

die Unruhe die in uns schwingt

aus allem hinweg

zu allem hin

nie ist der Tod

uns Antwort

ein vereister Hafen nur

die Schollen brechen auf

Wrack hin Wrack her

unser Schiff das war

jener Wagen am Himmel

wir wurden gesteuert

und steuerten los

und steuerten uns

wir schreckten nicht

vor den Felsen und Riffen

den Armen der Kentauren

aus deren Ruderblätter Gräser wuchsen

die Angst kroch hinweg vor

den glatten Wänden schwarzer Finsternis

erfroren die Finger auch

wir pflücken die buntesten Disteln

ich bin durch die Gänge gegangen

wo du jetzt wohnst mein Schritt

hallt noch in deinem Ohr

das längst schon ist

taub Klammer der Stille

unter der vergrabenen Stadt

die die Tore öffnet

einem Fluß der

weidenumwachsen

seelendurchströmt

zufließt dem Hades

in unendlicher Stille

 

 

 

 

 

 

Die Liebe von Feder und Fels

 

 

 

rheinabwärts Heilisenwerth

 

noch vor der Rund Kripp

 

auf dem quasimodo-buckelhaftigen “Osterei” - Felsen

 

 

 

 

 

 

Auf den Klippen

 

bleicht

 

eine Krähenfeder

 

 

*

 

 

der Wind

 

wirbelt sie

 

manchmal

 

an den Wellenrand

 

 

*

 

 

der Schaum der Wellen

 

treibt sie

 

wieder nach oben

 

 

*

 

 

die Sonne

 

dörrt sie aus

 

 

*

 

 

die Wolken

 

ziehen über sie

 

hinweg

 

 

*

 

 

manchmal

 

näßt

 

Regen sie

 

 

 

 

zersaust

 

atmet sie auf

 

 

*

 

 

das Salz

 

der Luft

 

trocknet sie wieder

 

 

*

 

 

sie ist die Gespielin

 

des Fels

 

 

seine einzige Liebe

 

 

*

 

 

sie belebt ihn

 

sein ganz in Stein

 

verharrendes Sein

 

 

*

 

 

auf seinem Felsenbuckel

 

auf seinem Klippenherz

 

liegt sie

 

eine Paradiesnadel

 

schwarz beflügelt

 

 

*

 

 

Spur eines Flugs

 

in die unsichtbare

 

Stille hinein

 

 

*

 

 

leicht liegt sie

 

auf ihm

 

schwebend fast

 

 

*

 

 

und sticht doch

 

in die Tiefe

 

tiefer als Strom

 

 

 

alle Konturen

 

der Welt

 

 

*

 

 

so verharren sie

 

Feder und Fels

 

 

 

und teilen die Sonne

 

Himmel, Erde und Strom

 

 

*

 

 

manchmal

 

ruht der Mond

 

zu ihren Füßen

 

 

 

und sie baden

 

in seinem Licht

 

Feder und Fels

 

 

*

 

 

sie teilt ihm

 

alles was sie erflog

 

 

 

er alles

 

was er erschwieg

 

 

*

 

 

sie sind nicht allein

 

sie leben in allem hier

 

 

 

in den grünen schmalen

zartgezackten Weidenblättern

 

 

im Rascheln des Laubs

in der Spitze des Dorns

im Gleiten der Schlange

 

 

*

 

 

sie schwimmen mit den Fischen

fliegen mit den Raben

atmen im Feuer der Nesseln

 

 

*

 

 

ein Stern fällt zu ihnen hinab

gelöst Sekunden aus Nichts

aus einer anderen Zeit

 

 

 

im Abseits dahingeweht

eine Krähenfeder

ein Fels noch nicht gesprengt

 

 

 

die Ruderschläge der Nacht

durchziehen Berge und Strom

 

 

kämmen die Wellen

 

 

*

 

 

eine Krähe

die sticht in den Fels

den Flug

herzhin

 

 

 

eine Liebe

die trägt auf den Flügeln

die Schwere des Fels

leicht wie ein Weidenblatt

 

 

*

 

 

inmitten des Stroms

Klippe, Feder und Fels

 

 

 

sie fächern das Schweigen

inmitten der Strömung

 

 

 

in ihnen pocht der Strom

sich Atem

zu der Nacht, den Sternen

 

 

 

in ihnen verharrt

was aus der Welt

so schnell fällt

 

 

 

auf einem Fels

ruht eine Feder

schwankend im Wind

 

 

 

niemand sieht

wie sie schreibt

unsichtbar nachts

 

 

 

in die Haut des Fels

mit fremder Hand

ein griechisches Wort :

 

 

 

"  A N A N K E  "

 

 

 

 

 

 

Rabenkopfhöhe

 

 

Mitten im Fels

Kratzer aus Helle

Nebel noch unten im Tal

enger wird der Pfad

zwischen Hecken und Dornen

Sonne blendet dir

eine Schrift

die du nie verstehst

die kopflos dich macht

und die doch

Sommer ganz ist

zu riechen Erde und Gras

zu atmen nächtlings noch Schwärze

gewitterdurchzuckt Weite nun Höhe

Unbeschwertheit

Leichtheit der Luft

du hältst den Tropfen nicht auf

der fällt

du bist machtlos

gegenüber der Liebe, dem Blitz

du segelst mit weißem Segel

nicht über die schwarzen Berge

du fängst den Raben nicht

der dein eigenes Herz ist

du zündest das Feuer nicht

daß all deine Fesseln zerbrennt

du gehst daher

in der Enge des Pfads

mit weitem Schritt

doch dein Herz

tanzt in den Hecken

fliegt mit den Raben

lacht über die Dornen

es liest was der Kopf

nicht versteht

die hellen Kratzer im Fels

es ist Sommer

dein Herz

hat sich verabschiedet

von dir

halt es nicht auf

laß es fliegen

du mußt es nicht

suchen

du weißt

wo es zu finden

du hältst den Tropfen

nicht auf

bist machtlos

gegenüber der Liebe, dem Blitz

ohne Herz

mit leerem Kopf

gehst du weiter

die engen Pfade

und doch

es ist Sommer

du bist beglückt

mit einer fremden Weite

die außerhalb dir

und die doch

ganz du bist